Betroffene Frau in einem Beratungsgespräch zu häuslicher Gewalt
Häusliche Gewalt und Partnerschaftsgewalt gehören zu den häufigsten Fällen, mit denen der WEISSE RING konfrontiert ist. Die Opferhilfeorganisation unterstützt Betroffene und stärkt gemeinsam mit Kommunen die Prävention vor Ort.
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„Der Schulterschluss vor Ort kann viel bewirken“

Seit 1976 steht der WEISSE RING Menschen zur Seite, die Opfer einer Straftat geworden sind. Zudem engagiert sich die Organisation in der Prävention von Straftaten. In dieser Woche feiert die Opferhilfeorganisation ihr 50-jähriges Bestehen. Auch in der kommunalen Kriminalprävention ist der WEISSE RING seit Langem aktiv. die:gemeinde hat zum Jubiläum mit Hans Matheis, dem Landesvorsitzenden des WEISSEN RINGS in Baden-Württemberg, gesprochen und ihn gefragt, was Verantwortliche in Städten und Gemeinden tun können, um Opferschutz und Prävention vor Ort zu stärken.

die:gemeinde: Herr Matheis, welche Formen von Kriminalität beschäftigen den WEISSEN RING derzeit besonders? Mit welchen Bedürfnissen von Opfern haben Sie es aktuell häufig zu tun?

Hans Matheis: Am häufigsten beschäftigen uns Fälle häuslicher Gewalt und Partnerschaftsgewalt. Das nimmt jedes Jahr zu. Danach folgen Delikte aus dem Sexualbereich – von sexueller Beleidigung bis hin zur Vergewaltigung. Hinzu kommen Eigentumsdelikte. Hier stechen mittlerweile vor allem Betrugsfälle durch Telefonanrufe hervor, etwa durch falsche Polizeibeamte, den Enkeltrick und ähnliche Maschen.

die:gemeinde: Die digitale Ebene wird als Ort für Kriminalität wahrscheinlich auch immer bedeutender, oder?

Hans Matheis: Das ist leider richtig. Vor allem Cybermobbing und Sextortion, also die Erpressung mit Nacktbildern. Alles, was das Internet und die sozialen Medien an Tatmöglichkeiten bieten, schlägt sich natürlich auch bei uns nieder und stellt uns vor neue Herausforderungen. Auch Polizei und Justiz haben bei solchen Ermittlungen ihre Schwierigkeiten. Für uns stellt sich die Frage, wie wir die betroffenen Menschen entsprechend betreuen können. Dabei ist es, wie auch in anderen Bereichen, vor allem wichtig, psychotherapeutische Behandlungen zu vermitteln.

die:gemeinde: Der WEISSE RING ist also auch nach 50 Jahren enorm wichtig.

Hans Matheis: Absolut. Es wird für Opfer auch immer schwieriger, sich in der juristischen Situation und im Behördendschungel zurechtzufinden: Wie komme ich als Opfer zu meinem Recht? Wie komme ich zu Schadensersatz? Viele Menschen schaffen das ohne zusätzliche Hilfe nicht. Deshalb braucht es den WEISSEN RING und die ehrenamtlichen Opferhelferinnen und Opferhelfer mehr denn je.

die:gemeinde: Der WEISSE RING wird ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen. Finden sich noch genug Menschen, die sich zu Opferhelferinnen und Opferhelfern ausbilden lassen wollen?

Hans Matheis, Landesvorsitzender des WEISSEN RINGS in Baden-Württemberg

Hans Matheis ist Landesvorsitzender des WEISSEN RINGS in Baden-Württemberg. Er setzt sich für eine enge Zusammenarbeit von Kommunen, Beratungsstellen, Polizei und Justiz im Opferschutz und in der Kriminalprävention ein.

Hans Matheis: Ja, es melden sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen – von jungen Leuten bis hin zu Menschen, die in Rente oder Pension gehen. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind wir noch relativ gut aufgestellt. Schwieriger wird es allerdings bei den Leitungen der Außenstellen und deren Stellvertretungen in den Kreisen. Viele haben großen Respekt vor der Aufgabe, obwohl man dafür ausgebildet und gut unterstützt wird. Aktuell sind in Baden-Württemberg fünf von 37 Außenstellen ohne eingewiesene Leitung. In Calw, im Enz- und Ortenaukreis, Göppingen, Waldshut-Tiengen/Lörrach und Baden-Baden/Rastatt. Die Teams arbeiten natürlich weiter, die Leitung übernimmt vorübergehend unser Landesbüro in Stuttgart. Doch je länger eine Stelle unbesetzt bleibt, desto größer ist aber das Risiko, dass auch das Team bröckelt.

die:gemeinde: Was können Städte und Gemeinden ganz konkret tun, um den WEISSEN RING und damit Opferschutz und Kriminalprävention vor Ort zu unterstützen?

Hans Matheis: Ganz wichtig ist für uns zunächst, dass die Kommunen uns in ihre Netzwerke einbinden – zum Beispiel in Koordinierungskreise zu häuslicher Gewalt oder in kriminalpräventive Räte. Dort arbeiten Frauenhäuser, Beratungsstellen, Ordnungsämter, Polizei oder Staatsanwaltschaft zusammen. Wenn man sich kennt, funktioniert auch die Zusammenarbeit besser. Der WEISSE RING hat für viele Kriminalitätsphänomene aktuelle Präventionsangebote, die wir kostenlos anbieten und dort einbringen können.

Kommunen können uns auch bei der Gewinnung von Ehrenamtlichen unterstützen, etwa über Ehrenamtsbörsen oder ihre Mitarbeiterzeitschriften. Sie können auch gezielt Menschen ansprechen, die sie für geeignet halten und die vielleicht Beruf und Ehrenamt gut miteinander verbinden können.

Sehr hilfreich wären zudem Räume. Wir haben keine eigenen Büros und dürfen satzungsgemäß auch kein Geld für Büroräume ausgeben. Deshalb finden Opfergespräche teilweise bei den Betroffenen zu Hause, in einem Café oder in einer Bibliothek statt. Schön wäre es, wenn Kommunen Räume für vertrauliche Gespräche oder auch für unsere monatlichen Teambesprechungen zur Verfügung stellen könnten. Teilweise geschieht das bereits.

Weitere Informationen

Hilfe, Prävention und Ansprechpartner vor Ort

Der WEISSE RING bietet umfangreiche Informationsmaterialien zur Kriminalprävention und Opferhilfe. Die Landesgeschäftsstelle Baden-Württemberg informiert außerdem über Ansprechpartner und Außenstellen im Land.

Infomaterial des WEISSEN RINGS
WEISSER RING Baden-Württemberg

die:gemeinde: Im Bereich der Kriminalprävention sind Kommunen ja ebenfalls häufig aktiv. Wie kann hier eine Zusammenarbeit aussehen?

Hans Matheis: In der Präventionsarbeit gibt es viele Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Schulen, Kindergärten, Feuerwehren und andere kommunale Einrichtungen können uns beispielsweise für Vorträge und Aktionen anfragen. In Karlsruhe schulen wir etwa Mitarbeiter kommunaler Wohnungsgesellschaften, darunter auch Hausmeister, darin, häusliche Gewalt zu erkennen und richtig zu reagieren. In Ettlingen haben wir gemeinsam mit einer Theatergruppe und den Verkehrsbetrieben ein Projekt an Schulen durchgeführt, bei dem Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie in Situationen von Belästigung oder Gewalt Zivilcourage zeigen können.

Hinzu kommt die Öffentlichkeitsarbeit. Kommunen können unsere Plakate und Flyer in Rathäusern und Bürgerbüros auslegen, auf ihren Internetseiten auf die örtliche Außenstelle des WEISSEN RINGS verlinken oder uns in ihren Amtsblättern immer wieder sichtbar machen.

Auch ganz praktische Unterstützung hilft: Kommunen können uns etwa Veranstaltungsräume für Benefizveranstaltungen kostenlos zur Verfügung stellen. Und bei Ehrungsabenden für Ehrenamtliche wäre es schön, wenn auch die örtlichen Außenstellen des WEISSEN RINGS gefragt würden, ob es jemanden gibt, der für sein Engagement ausgezeichnet werden kann.

Selbst eine finanzielle Unterstützung ist möglich. Wenn beispielsweise in einem kommunalen Disziplinarverfahren eine Geldbuße verhängt wird, kann der Bürgermeister als Disziplinarvorgesetzter diese dem WEISSEN RING zukommen lassen.

Entscheidend ist am Ende der Schulterschluss vor Ort. Das sind alles relativ einfache Formen der Zusammenarbeit – sie erfordern vor allem, dass Kommune und WEISSER RING aufeinander zugehen.

die:gemeinde: Sie haben die kriminalpräventiven Netzwerke angesprochen. Wie sind die Städte und Gemeinden im Land hier aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Tippkarte des WEISSEN RINGS zum Schutz vor Telefonbetrug

Der WEISSE RING stellt Informationsmaterial zu verschiedenen Präventionsthemen bereit, beispielsweise zum Telefonbetrug.

Hans Matheis: Da gibt es große Unterschiede. Es gibt sehr aktive kriminalpräventive Räte und Netzwerke, aber auch solche, die eher wenig machen. Dabei gilt für mich nicht: Viel hilft viel. Sinnvoller ist es, sich ein oder zwei größere Themen im Jahr vorzunehmen und diese gezielt zu bearbeiten. Wenn ständig ein anderes Thema aufgemacht wird, führt das eher zu einer Reiz- und Informationsüberflutung – und am Ende bleibt wenig hängen.

Beim Telefonbetrug beispielsweise gibt es von der Polizei und von uns immer wieder unterschiedliche Ansätze. Dabei sollte man nicht nur ältere Menschen sensibilisieren, sondern auch deren Familien und Umfeld, damit diese das Thema wiederum ansprechen und warnen können. Wichtig ist außerdem die Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg. Je breiter man sich aufstellt, desto mehr Menschen erreicht man – und desto geringer ist der Aufwand für den Einzelnen.

die:gemeinde: Welche Themen oder Aktionen haben Sie derzeit besonders im Blick?

Hans Matheis: In Baden-Württemberg steht derzeit vor allem das Thema häusliche Gewalt im Fokus. Rund um den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November gibt es unterschiedliche Projekte – wie das eben erwähnte in Karlsruhe.

Außerdem wird derzeit an verschiedenen Orten der Film „Fassaden“ gezeigt. Er befasst sich mit einem Fall häuslicher Gewalt und stellt ihn sehr emotional dar. Wichtig ist deshalb, dass der Film anschließend in Gesprächen und Diskussionen aufgearbeitet wird. Das ist derzeit einer unserer Schwerpunkte in Baden-Württemberg. In verschiedenen Städten gibt es dazu Kooperationen zwischen dem WEISSEN RING und Kinobetreibern.

Der Dokumentarfilm „Fassaden“ thematisiert häusliche Gewalt anhand realer Erfahrungsberichte. Sandra Hüller leiht betroffenen Frauen darin ihre Stimme. Der WEISSE RING begleitet Vorführungen an verschiedenen Orten im Land und arbeitet das Thema in anschließenden Gesprächen und Diskussionen auf.

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