Kriminalitätsopfer erhält Unterstützung durch eine helfende Hand
Der WEISSE RING begleitet, berät und unterstützt Kriminalitätsopfer – ehrenamtlich, kostenlos und nur spendenfinanziert.
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Ehrenamtlich und unverzichtbar

Der WEISSE RING ist für Kriminalitätsopfer eine bedeutende Anlaufstelle – und auch für Kommunen ein wertvoller Partner. Wie wichtig die Zusammenarbeit und die Unterstützung ehrenamtlichen Engagements sein kann, zeigt sich im Kreis Ludwigsburg.

Wenn jemand Opfer einer Straftat wird, ist die erste Frage selten eine juristische. Oft ist es eine viel einfachere: An wen kann ich mich wenden? Der WEISSE RING gibt darauf seit über fünfzig Jahren eine Antwort. Denn der Rechtsstaat blickt in erster Linie auf die Täter – die Opfer brauchen jemanden darüber hinaus, der auch auf sie blickt.

Der gemeinnützige Verein unterstützt Kriminalitätsopfer in Deutschland mit persönlicher Begleitung, praktischer Hilfe und – wo nötig – finanzieller Unterstützung, etwa für Anwaltskosten. Rund 400 Außenstellen und Kontaktbüros mit circa 3.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern bundesweit bilden dafür das Rückgrat. Es gibt in Baden-Württemberg 37 Landkreise mit je einer Außenstelle und 316 ehrenamtlichen Mitarbeitenden.

Getragen werden die Außenstellen ausschließlich von Ehrenamtlichen – Menschen, die Opfer begleiten, zuhören, vermitteln und koordinieren. Jede Außenstelle ist dabei eigenständig organisiert, eingebettet in ein Netzwerk aus Landesbüros und der Bundeszentrale in Mainz. Sie bilden damit eine der zentralen Anlaufstellen für Betroffene – und sind zugleich Ansprechpartner, den Sicherheitsbehörden wie die Polizei und kommunale Stellen ausdrücklich schätzen. Denn der Bedarf wächst: Viele Formen der Kriminalität nehmen statistisch seit Jahren zu – allein im Bereich häusliche Gewalt wurden laut BKA im Jahr 2024 in Deutschland 265.942 Menschen als Opfer erfasst, ein neuer Höchststand.

Wichtige Aufgaben

Dies zeigt sich auch in der Außenstelle in Ludwigsburg des WEISSEN RINGS: „Im Schnitt kommen pro Woche drei Fälle bei uns an – zu Stoßzeiten wie nach Weihnachten deutlich mehr“, sagt die Außenstellenleiterin Sonja Beurer. „Rund 75 Prozent davon sind häusliche oder partnerschaftliche Gewalt – körperlich, psychisch, sexuell oder finanziell. Dazu kommen Stalking, Cyberkriminalität, Anlagebetrug. Das ganze Spektrum eben“, überschlägt sie ihre „Opferarbeit“.

Dass es diese Außenstelle heute wieder gibt, ist alles andere als selbstverständlich. Über zwei Jahre lang war der Posten in Ludwigsburg vakant – in einem Landkreis mit mehr als einer halben Million Einwohnerinnen und Einwohnern. Das Landesbüro hatte mehrfach erfolglos versucht, eine neue Leitung zu finden. Ein solches ehrenamtliches Engagement, das sehr umfänglich sein kann, ist nicht einfach zu finden.

In dieser Zeit übernahm die Stuttgarter Außenstelle die Fälle aus dem Kreis mit – so gut es eben ging. „So intensiv, wie wir das jetzt machen können, war das aus der Ferne nicht möglich“, sagt Beurer. Was das konkret bedeutete: Polizeidienststellen, Versorgungsämter und Traumaambulanzen im Kreis mussten auf Stuttgarter Nummern verweisen. Persönliche Kontakte, kurze Dienstwege, schnelle Abstimmungen – all das fehlte.

Als Beurer und Leonhard die Außenstelle im Mai 2025 schließlich übernahmen und sich bei Behörden, sozialen Einrichtungen, anderen Anlaufstellen im Kreis und der Kommune vorstellten, war die Reaktion überall dieselbe: „Die Kontaktpersonen, auch bei den städtischen Stellen, sagten: ‚Wir haben zuvor gar nicht gewusst, an wen wir uns wenden können‘“, erinnert sich Tanja Leonhard, die stellvertretende Leiterin. Man sei durchweg froh gewesen, dass die Außenstelle wieder besetzt ist. Mittlerweile haben sie ein Team von Aktiven aufgebaut, bunt gemischt vom Alter und Beruf – von Polizisten über eine Therapeutin bis zur Studentin. Jede und jeder durchläuft dabei eine mehrstufige Ausbildung mit Grundkursen und begleiteten Hospitationen, bevor echte Fälle übernommen werden – ein erheblicher Zeitaufwand, den alle freiwillig und unentgeltlich leisten. Es sind Menschen wie sie, zu hundert Prozent Ehrenamtliche, ohne die Opferhilfe in vielen Regionen schlicht nicht funktionieren würde.

Auch Kommunen können hier einen Beitrag leisten und damit für Betroffene einen echten Unterschied machen, betonen die Leiterinnen. So gut die Zusammenarbeit mit Behörden und die Vernetzung im Kreis auch lief – ein Problem blieb lange ungelöst: eigene Räume. Für vertrauliche Opfergespräche braucht es mehr als vier Wände – es braucht einen sicheren, neutralen Ort, den man abschließen kann, betont Beurer. „Wenn wir zum Beispiel zu einem Fall häuslicher Gewalt kommen und der Täter trotz Kontaktverbot auftaucht, kann das auch für uns gefährlich werden.“ Ein geschützter Raum ist also nicht nur eine Frage des Komforts, sondern des Schutzes – für Opfer wie für Helferinnen und Helfer.

Ein Schlüssel, der zählt

Da durch die Vakanz der Außenstelle die früheren Räume weggefallen waren, behalf man sich mit wechselnden Möglichkeiten: Eine soziale Einrichtung in Ludwigsburg stellte einen Besprechungsraum zur Verfügung, allerdings nur nach Absprache und zu festen Zeiten, ohne eigenen Schlüssel. Manchmal stellte die Stadt kurzfristig etwas zur Verfügung. Die Situation war nicht ideal für die Arbeit des WEISSEN RINGS, bei dem akute Fälle zu jeder Zeit aufschlagen können. Für Vereinstreffen wich man gemeinsam in Restaurants aus.

Die Wende kam schließlich durch das Engagement der Kommune – direkt durch Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht. Als nach einem Pressegespräch des WEISSEN RINGS öffentlich wurde, dass die Außenstelle noch immer keine festen Räume hat, bekam der OB davon mit und gab die Information an die zuständigen Stellen in seiner Verwaltung weiter: ob man da nicht etwas hinbekommen könne. Einfach war es nicht, erinnert sich Beurer – auch in der Stadtverwaltung gibt es Platzprobleme, es brauchte Gespräche und Geduld. Doch die Zuständigen setzten sich ein, und am Ende hatte es geklappt. „Wir haben jetzt einen eigenen Schlüssel – einen Raum, den wir selbst eingerichtet haben und der wirklich unserer ist“, sagt Beurer. Er biete Opfern bei Bedarf auch den nötigen Schutz.

Was Kommunen für Organisationen wie den WEISSEN RING tun können, ist aus Sicht der Außenstelle klar: Räume kostenlos zur Verfügung stellen, die Öffentlichkeit über das Angebot informieren, den Verein bei Veranstaltungen einbinden – und dafür sorgen, dass Betroffene wissen, wohin sie sich wenden können. Die Polizei und andere kommunale Behörden, die mit Opferarbeit zu tun haben und auf funktionierende Netzwerke angewiesen sind, profitieren davon ebenso wie die Opfer selbst. Es sind am Ende Ehrenamtliche, die diese Arbeit tragen – verlässlich und ohne Bezahlung. Wer sie unterstützt, kann eine Stadt oder Gemeinde sicherer machen.

Sonja Beurer und Tanja Leonhard vom WEISSEN RING Ludwigsburg

Sonja Beurer (li.) und Tanja Leonhard bauten die Außenstelle Ludwigsburg neu auf. Foto: Fabian Stetzler

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