Kind bei einem Ferienangebot des Deutschen Jugendherbergswerks
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Jugendherbergen wollen Partner der Kommunen werden

Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung wächst der Druck auf Städte und Gemeinden, auch in den Ferien verlässliche Angebote vorzuhalten. Das Deutsche Jugendherbergswerk Baden-Württemberg sieht sich als möglicher Partner – nicht nur als Anbieter von Unterkünften, sondern zunehmend auch als Bildungsdienstleister.

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder stellt die Kommunen vor eine Mammutaufgabe. Während der Schulbetrieb vielerorts organisiert ist, rücken nun die Ferienzeiten in den Fokus. Schließlich müssen nicht nur Unterrichtstage, sondern auch ein Großteil der Ferienwochen abgedeckt werden. Besonders für kleinere Gemeinden mit wenig Personal wird das zur Herausforderung.

Hier setzt der Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH BW) an. So möchte das DJH BW Kommunen künftig stärker bei der Organisation von Ferienangeboten unterstützen. „Je kleiner die Kommune wird, desto größer ist die Herausforderung“, sagt Alexander Reichert, der beim DJH BW für die nachhaltige Verbandsentwicklung verantwortlich ist. Viele Gemeinden hätten weder ausreichend Personal noch die organisatorischen Strukturen, um eigenständig umfangreiche Ferienprogramme auf die Beine zu stellen.

Vom Übernachtungsbetrieb zum Bildungspartner

Für Reichert ist die neue Rolle des Jugendherbergswerks kein Bruch mit dessen Tradition, sondern vielmehr eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und den Satzungszweck des Verbandes. Die Jugendherbergsbewegung sei ursprünglich aus einem pädagogischen Anspruch heraus entstanden. In den vergangenen Jahrzehnten seien Jugendherbergen in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch vor allem durch ihr Übernachtungsangebot sichtbar geworden.

Alexander Reichert vom Deutschen Jugendherbergswerk Baden-Württemberg

Alexander Reichert ist beim DJH BW für die nachhaltige Verbandsentwicklung zuständig. Foto: DJH BW

„Wir kommen aus einer Bewegung und müssen eigentlich wieder stärker darauf schauen, wie wir viele junge Menschen mit guten Erlebnissen und Bildungsangeboten erreichen“, erklärt Reichert. Sein Ziel sei es, das DJH BW im kommunalen Umfeld wieder stärker als Bildungsanbieter zu positionieren.

Diese Entwicklung begann bereits während der Corona-Pandemie. Damals entwickelte das DJH BW Programme, die auch im Schulalltag umgesetzt werden, bei denen pädagogische Fachkräfte regelmäßig mit Klassen arbeiten. Im Mittelpunkt steht dabei die Stärkung von sozial-emotionalen Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Kommunikation und Selbstregulation.

Bereits ab dem Schuljahr 2026/27 gilt der Rechtsanspruch für die erste Klassenstufe. Mit jeder weiteren einbezogenen Klassenstufe wächst die Zahl der anspruchsberechtigten Kinder. Im Vollausbau werden in Baden-Württemberg mehr als 450.000 Grundschülerinnen und Grundschüler erfasst. Viele Kommunen seien auf diese Entwicklung noch nicht ausreichend vorbereitet. Vor allem kleinere Gemeinden stünden vor der Frage, wie sie verlässliche Angebote organisieren sollen. „Ich spüre bei vielen jetzt schon die Sorge: Wie kriege ich das dieses Jahr hin? Nächstes Jahr sind es noch deutlich mehr Kinder“, berichtet Reichert.

Das DJH BW bietet deshalb verschiedene Kooperationsmodelle an. Die klassische Variante nutzt die vorhandene Infrastruktur der DJH Jugendherbergen. Dort stehen Räume, Verpflegung, Außengelände und pädagogisches Personal bereits zur Verfügung. Kommunen können Plätze für ihre Kinderkontingente buchen und erhalten ein Komplettpaket inklusive Betreuung und Programmgestaltung.

Darüber hinaus können die Angebote auch direkt in den Kommunen stattfinden. „Meistens fehlt den Gemeinden vor allem Personal“, sagt Reichert. In solchen Fällen bringt das DJH BW eigene pädagogische Fachkräfte mit und nutzt vorhandene Räume vor Ort. Die Angebote werden dabei individuell auf die Bedürfnisse der jeweiligen Kommune zugeschnitten.

Ferienbetreuung: Interkommunale Zusammenarbeit als Schlüssel

Ein wichtiger Baustein des Konzepts sind interkommunale Kooperationen. Denn wirtschaftlich tragfähig werden die Angebote meist erst ab etwa 15 teilnehmenden Kindern. Für kleinere Gemeinden ist dies allein oft schwer zu erreichen.

Reichert wirbt deshalb dafür, dass sich Nachbarkommunen zusammenschließen. Mehrere Gemeinden könnten gemeinsam Ferienangebote organisieren und so sowohl die Kosten als auch den organisatorischen Aufwand sowie das wirtschaftliche Risiko teilen. „Wenn eine Kommune zehn Kinder hat und die Nachbargemeinde fünf, dann entsteht gemeinsam ein tragfähiges Angebot“, erläutert er.

Insbesondere die Landratsämter könnten dabei eine koordinierende Rolle übernehmen. Dort würden bereits heute viele Gespräche über mögliche Kooperationen stattfinden. Das Ziel sei, langfristig regionale Netzwerke aufzubauen, die den Kommunen Planungssicherheit geben und gleichzeitig eine verlässliche Betreuung gewährleisten.

Erste Erfahrungen aus Pilotprojekten

Noch befindet sich vieles im Aufbau. Dennoch gibt es bereits erste Pilotprojekte. In Schwäbisch Hall sollen in diesem Sommer entsprechende Ferienangebote umgesetzt werden. Auch im Neckar-Odenwald-Kreis entstehen konkrete Kooperationen.

Kinder bei einer Teamaufgabe im Freien
Kinder bei einer gemeinsamen Aufgabe im Ferienprogramm

Beim Ferienangebot des Deutschen Jugendherbergswerks Baden-Württemberg sollen Kinder nicht nur betreut, sondern auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden. Fotos: DJH BW

Besonders weit entwickelt ist die Zusammenarbeit in Walldürn. Dort hat das Jugendherbergswerk gemeinsam mit der Kommune einen Naturkindergarten aufgebaut. Ausgehend von dieser Kooperation entstand die Idee, die vorhandene Infrastruktur künftig auch für Ferienangebote zu nutzen. Kinder, die bereits den Naturkindergarten besucht haben, können später an demselben Ort an Ferienprogrammen teilnehmen. „Da gibt es die Infrastruktur bereits, die Kinder kennen den Ort und die Familien kennen ihn ebenfalls“, erläutert Reichert.

Die Erfahrungen zeigen nach seiner Einschätzung auch, dass Ferienangebote häufig teurer sind als zunächst angenommen. Während manche Kommunen bislang mit sehr günstigen Programmen arbeiten, würden Personal- und Organisationskosten oft nicht vollständig berücksichtigt. Das DJH BW setzt deshalb auf transparente Kalkulationen und langfristige Planbarkeit.

Für Reichert stehen die Kinder im Mittelpunkt. Bei den Ferienfreizeiten geht es ihm um mehr als die bloße Aufsicht von Kindern während der Arbeitszeit ihrer Eltern. Er sieht in den Ferienangeboten eine Chance, sozial-emotionale Kompetenzen zu stärken und Bildungsungleichheiten entgegenzuwirken.

„Das ist für mich der Unterschied zwischen Betreuung und Bildung“, sagt er.

Gerade nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie seien viele Kinder und Jugendliche in ihrer sozialen Entwicklung zurückgeworfen worden. Ferienangebote könnten einen Beitrag leisten, diese Defizite aufzufangen. Ziel sei nicht, schulischen Unterricht zu ersetzen, sondern Kindern außerhalb des Klassenzimmers und in einem spaßorientierten Umfeld Erfahrungen zu ermöglichen, die ihre Persönlichkeitsentwicklung fördern.

Ob sich das Modell flächendeckend durchsetzt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Reichert ist jedoch überzeugt, dass die Nachfrage nach verlässlichen Lösungen steigen wird. Das Jugendherbergswerk wolle dabei Schritt für Schritt wachsen und dort unterstützen, wo Kommunen Entlastung benötigen. „Wir möchten ein Teil der Lösung sein“, fasst er zusammen.