Veranstaltungsraum im Jugendhaus Balingen
© Jugendhaus Balingen

Wenn die Jugend zum Bauherrn wird

Was passiert, wenn Kommunen den Begriff „Jugendbeteiligung“ ernst nehmen? Die Stadt Balingen hat diese Frage konsequent beantwortet: Mehr als 600 junge Menschen waren an der Planung und Gestaltung des neuen Jugendhauses beteiligt. Ihre Ideen beeinflussten nicht nur die Ausstattung, sondern sogar den Architektenwettbewerb. Entstanden ist ein Projekt, das zeigt, wie ernst gemeinte Beteiligung funktionieren kann.

Wenn Kommunen junge Menschen beteiligen wollen, stoßen sie schnell auf eine grundlegende Frage: Wie viel Mitsprache soll es tatsächlich geben? Reicht es, Ideen zu sammeln, oder müssen die Ergebnisse auch spürbare Konsequenzen haben?

Die Stadt Balingen hat sich bei der Planung ihres neuen Jugendhauses für den anspruchsvolleren Weg entschieden. Als das bestehende Gebäude nach rund 40 Jahren aufgrund erheblicher baulicher Mängel nicht mehr wirtschaftlich zu sanieren war, fiel die Entscheidung für einen Neubau. Rund zwei Millionen Euro standen dafür zur Verfügung. Gleichzeitig sollte das Projekt genutzt werden, um Jugendliche frühzeitig einzubeziehen.

„Wir hatten uns für dieses Projekt vorgenommen, dass wir keine halben Sachen machen wollten, wenn wir die Jugendlichen beteiligen“, sagt Jochen Brendle, Abteilungsleiter Soziales bei der Stadt Balingen. Dieser Grundsatz – ganz oder gar nicht – habe schließlich den gesamten Prozess geprägt.

Außenansicht des Jugendhauses Balingen

Das neue Jugendhaus in den Balinger Eyachauen wurde im September 2021 feierlich eingeweiht. Foto: Stadt Balingen

600 Jugendliche als Ideengeber

Den Auftakt bildeten 25 Workshops an allen weiterführenden Schulen der Stadt. Gemeinsam mit dem Kölner Beteiligungsbüro „Squirrel & Nuts“ um den Politikberater Erik Flügge besuchte die Stadt Schulklassen der Jahrgangsstufen acht bis elf. Insgesamt erreichten sie auf diese Weise rund 600 Jugendliche. Die zentrale Frage lautete: Wie sieht das perfekte Jugendhaus aus?

Die Antworten reichten von gemütlichen Chill-Bereichen über Musikräume und Gaming-Angebote bis hin zu Trampolinen, Dachterrassen und Grillplätzen. Auch die Lage wurde diskutiert. Das Jugendhaus sollte gut erreichbar sein, aber nicht mitten in der Innenstadt liegen. Selbst Themen wie USB-Lademöglichkeiten, dimmbares Licht oder mietbare Räume für private Feiern kamen zur Sprache.

E-Sportsraum im Jugendhaus BalingenBandproberaum im Jugendhaus BalingenAufnahmestudio im Jugendhaus Balingen

Gaming-Bereich, Proberäume, Rückzugsorte: Das wünschten sich Jugendliche für das neue Jugendhaus in Balingen. Fotos: Jugendhaus Balingen

Besonders ungewöhnlich war die Dokumentation der Workshops. Während die Jugendlichen diskutierten, hielt ein Zeichner sämtliche Ideen in großformatigen Zeichnungen, sogenannten Graphical Recordings, fest. So entstanden 25 visuelle Protokolle, die später eine zentrale Rolle spielen sollten.

Graphical Recording mit Ideen für das Jugendhaus BalingenGraphical Recording mit Ideen einer Schulklasse für das Jugendhaus BalingenGraphical Recording mit Ideen einer Schulklasse für das Jugendhaus Balingen

In 25 Graphical Recordings hielten die Jugendlichen ihre Ideen für Räume, Ausstattung und Lage des neuen Jugendhauses fest. Fotos: Jugendhaus Balingen

Wünsche als Planungsgrundlage

Der Beteiligungsprozess endete nicht mit dem Sammeln von Ideen. Im Gegenteil: Die Graphical Recordings wurden direkt Teil der Ausschreibung für den Architektenwettbewerb. „Die Architekturbüros waren nicht aufgefordert, irgendein Jugendhaus zu planen“, sagt Brendle. „Sie sollten ein Jugendhaus planen, das all das kann, was die Jugendlichen genannt haben.“ Damit wurde die Beteiligung von Beginn an verbindlich. Wer sich um den Auftrag bewerben wollte, musste sich mit den Wünschen der Jugendlichen auseinandersetzen. Zehn geeignete Architekturbüros haben sich schließlich für den Wettbewerb beworben.

Parallel dazu entstand ein Jugendhauskomitee, das den weiteren Prozess begleiten sollte. Neben Bürgermeister, Baudezernent, Vertreterinnen und Vertretern aller Gemeinderatsfraktionen, Mitarbeitenden aus Verwaltung, Jugendarbeit und Hochbauamt gehörten dem Gremium auch fünf Jugendliche an. Sie waren den erwachsenen Mitgliedern gleichgestellt und verfügten jeweils über eine Stimme.

„Ein Jugendlicher hatte in diesem Gremium genau dasselbe Stimmengewicht wie der Bürgermeister“, erinnert sich Brendle. Gerade dieses Signal sei von den Jugendlichen sehr bewusst wahrgenommen worden.

Aus den zehn Entwürfen wählte das Komitee zunächst drei geeignete und realisierbare Favoriten aus. Anschließend begann eine weitere Beteiligungsrunde. Über die Broadcast-Funktion von WhatsApp konnten Jugendliche die Entwürfe ansehen, bewerten und kommentieren. 262 Jugendliche meldeten sich für dieses Verfahren an, insgesamt gingen 515 Nachrichten ein. Diese gingen gesammelt an die Architekturbüros, die ihre Entwürfe daraufhin erneut überarbeiteten.

Fensterformen, Raumaufteilungen oder Ausstattungsdetails wurden angepasst. Anschließend folgte eine weitere Feedbackrunde. „Wenn Jugendliche Rückmeldungen gegeben haben, mussten die Architekten darauf reagieren“, sagt Brendle. „Wäre beim nächsten Entwurf alles gleich geblieben, hätten die Jugendlichen sofort gemerkt, dass ihre Hinweise ignoriert wurden.“

Den Abschluss bildete eine öffentliche Veranstaltung, bei der die verbliebenen Architekturbüros ihre finalen Entwürfe präsentierten. Jugendliche, Gemeinderäte und weitere Interessierte konnten Fragen stellen und ihre Favoriten bewerten. Auf Grundlage dieser Ergebnisse sprach das Komitee eine Empfehlung aus, die anschließend vom Gemeinderat beschlossen wurde.

Was Jugendliche wirklich wollten

Viele Wünsche der Jugendlichen fanden später tatsächlich Eingang in den Neubau. Es entstanden unter anderem ein Gaming-Bereich, Musik- und Proberäume, flexible Aufenthaltsflächen, mietbare Veranstaltungsräume sowie zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten. Sogar Details wie USB-Ladeanschlüsse wurden berücksichtigt. Besonders prägend war jedoch ein anderer Wunsch: Trampolinspringen. „In 23 von 25 Schulklassen war das ein Thema“, berichtet Brendle. Entsprechend entstand im Jugendhaus ein rund 50 Quadratmeter großer Trampolinraum – inklusive eines interaktiven Systems, bei dem die Springenden Teil eines Videospiels werden. Nach Einschätzung Brendles dürfte das Jugendhaus damit bundesweit eine Besonderheit darstellen.

Rückzugsraum im Jugendhaus Balingen

Flexible Aufenthaltsflächen und Rückzugsmöglichkeiten gehörten zu den zentralen Wünschen der Jugendlichen. Foto: Jugendhaus Balingen

Nicht alle Wünsche konnten allerdings umgesetzt werden. Besonders intensiv diskutiert wurde eine Dachterrasse. Sie gehörte zu den häufigsten Forderungen der Jugendlichen. Wegen zusätzlicher Anforderungen an Barrierefreiheit und Aufzugstechnik wären jedoch Mehrkosten von mehreren hunderttausend Euro entstanden. Die Stadt legte die Frage deshalb erneut den Jugendlichen vor. Die Mehrheit akzeptierte schließlich den Verzicht auf die Dachterrasse zugunsten anderer Angebote. „Auch das ist Beteiligung“, sagt Brendle. „Man muss transparent erklären, warum etwas nicht geht. Jugendliche verstehen das, wenn man ehrlich mit ihnen umgeht.“

Beteiligung schafft Identifikation

Das Jugendhaus ist nun seit mehreren Jahren in Betrieb. Für Brendle zeigt sich der Erfolg des Beteiligungsprozesses nicht nur in der Architektur. „Das Haus sieht heute noch fast aus wie neu“, sagt er. Die Jugendlichen gingen sehr sorgsam mit dem Gebäude um. Aus seiner Sicht hängt das unmittelbar mit der intensiven Beteiligung zusammen. Wer erlebt habe, dass die eigenen Ideen tatsächlich umgesetzt werden, entwickle eine stärkere Identifikation mit dem Ort.

Darin sieht Brendle auch die wichtigste Lehre für andere Kommunen. Beteiligung dürfe kein Feigenblatt sein. „Es ist besser, Jugendliche gar nicht zu fragen, als sie zu fragen und anschließend etwas völlig anderes zu machen“, sagt er. Wenn Kommunen Beteiligung ernst meinten, müssten sie bereit sein, die Ergebnisse tatsächlich in ihre Entscheidungen einfließen zu lassen.