Was aus Parkplätzen werden kann
Bei der Suche nach Flächen für Wohnungsbau, Klimaanpassung und neue Mobilitätsangebote geraten großflächige Parkplätze zunehmend in den Fokus der Stadtentwicklung. Sie sind häufig stark versiegelt, monofunktional genutzt und nehmen viel Raum ein – oft in gut angebundenen Lagen. Genau hier setzt ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) an. Zwei neue Studien zeigen, wie Städte und Gemeinden diese Flächen systematisch erfassen, bewerten und schrittweise transformieren können.
Wichtig ist dabei ein Perspektivwechsel. Es geht nicht darum, Stellplätze pauschal zu reduzieren oder den motorisierten Individualverkehr zu verdrängen. Ziel ist vielmehr, Parken neu zu organisieren und vorhandene Flächen effizienter zu nutzen. So können zusätzliche Potenziale für Wohnraum, Grünflächen, Begegnungsorte und neue Mobilitätsangebote entstehen. „Die Zukunft der Stadt liegt nicht in einem weiteren Aufwuchs an bebauter oder versiegelter Fläche, sondern im besseren Umgang mit dem, was wir haben“, bringt es BBSR-Experte Christian Rauch auf den Punkt.
Parkplätze als unterschätzte Flächenressource
Wie groß dieses Potenzial ist, zeigt eine bundesweite Online-Befragung von rund 900 Städten und Gemeinden. Sie macht deutlich: Parkplätze werden bislang kaum systematisch erfasst. Häufig liegen die Daten unstrukturiert vor, etwa als Pläne, Luftbilder oder Textdokumente. Wichtige Informationen wie Belegungsquoten oder Oberflächenbeschaffenheit werden nur selten erhoben. Genau hier setzt das Forschungsprojekt an und entwickelt erstmals eine standardisierte Methodik zur automatisierten Erfassung großflächiger Parkplätze.
In den Modellstädten Dortmund, Görlitz und Ulm wurden mithilfe von Geodaten aus ALKIS und OpenStreetMap sowie GIS-Software alle Parkplatzflächen ab 750 Quadratmetern identifiziert. Allein in Dortmund kamen so 1.318 große Parkplätze mit insgesamt 361 Hektar Fläche zusammen – das entspricht rund 500 Fußballfeldern. Ergänzt wurde diese Bestandsaufnahme durch eine KI-gestützte Oberflächenklassifikation auf Basis von Luft- und Satellitenbildern. Sie unterscheidet versiegelte Flächen, Grünanteile, Einzelbäume oder Wasserflächen und liefert damit wichtige Hinweise für Klimaanpassung und Entsiegelung.
Darauf aufbauend wurden mehr als 30 Attribute je Fläche analysiert. Dazu zählen Lage, Größe, Nähe zu ÖPNV-Haltestellen, Versiegelungsgrad, Hitzebelastung, Bodenrichtwerte oder rechtliche Rahmenbedingungen. Aus dieser Datengrundlage entwickelte das Projekt eine automatisierte Typisierung, mit der sich jede Fläche einem oder mehreren Entwicklungspfaden zuordnen lässt. Drei übergeordnete Kategorien stehen dabei im Mittelpunkt: bauliche Transformation, Freiflächenaktivierung und Optimierung.
Von der Datengrundlage zur konkreten Umsetzung
Bauliche Transformation meint die Überbauung oder Ergänzung bestehender Parkplätze, etwa durch Wohn-, Gewerbe- oder öffentliche Nutzungen. Beispiele wie der Klagesmarkt in Hannover oder das Projekt „Dante II“ in München zeigen, wie neuer Wohnraum über bestehenden Stellplätzen entstehen kann, ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln. Die Freiflächenaktivierung setzt auf Entsiegelung, Begrünung und Wasserrückhalt, um Hitzeinseln zu reduzieren und das Mikroklima zu verbessern. Die Kategorie Optimierung schließlich zielt darauf ab, notwendige Stellplätze zu erhalten, sie aber multifunktional zu ergänzen – etwa durch Photovoltaik, Ladeinfrastruktur oder Mobilitätsstationen.
Für Kommunen ist besonders relevant, dass die Methodik flexibel einsetzbar ist. Sie kann sowohl top-down genutzt werden, um Flächen für definierte Entwicklungsziele wie Wohnungsbau oder Grünräume zu identifizieren, als auch bottom-up, um einzelne Parkplätze im konkreten Planungsprozess faktenbasiert zu bewerten. Damit entsteht eine belastbare Entscheidungsgrundlage, die politische Diskussionen versachlicht und Planungsprozesse beschleunigen kann.
Ergänzt wird die Methodik durch eine zweite Studie mit guten Beispielen aus ganz Deutschland. Sie zeigt anhand von zwölf Projekten, wie die Transformation großer Parkplätze bereits heute gelingt – von der Teilbebauung über Entsiegelung bis hin zu hybriden Lösungen, die mehrere Ziele gleichzeitig bedienen. Gerade diese Mischformen sind in der Praxis besonders relevant, weil sie Stellplatzbedarfe, Klimaschutz und Aufenthaltsqualität miteinander verbinden.
Die zentrale Botschaft der Studien ist klar: Großflächige Parkplätze sind keine Restflächen, sondern strategische Ressourcen. Wer sie systematisch erfasst, bewertet und schrittweise weiterentwickelt, kann Flächen sparen, das Stadtklima verbessern und neue Spielräume für eine nachhaltige Stadtentwicklung schaffen. Für Kommunen bietet das BBSR-Projekt damit nicht nur Inspiration, sondern ein konkretes Werkzeug, um vom Reden ins Handeln zu kommen.
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