Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg auf höchstem August-Stand seit 20 Jahren
Im August waren in Baden-Württemberg 312.373 Menschen arbeitslos. Das waren 12.025 oder vier Prozent mehr als im Juli und 7.021 mehr als ein Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote stieg von 4,6 auf 4,8 Prozent und lag damit auch über dem Augustwert des Vorjahres von 4,7 Prozent. Es ist nach Angaben von Arbeitsminister Oliver Hildenbrand der höchste Augustwert seit 2006.
Ein Teil des Anstiegs ist saisonal bedingt. Mit dem Ende von Schule und Ausbildung melden sich im Sommer regelmäßig mehr junge Menschen arbeitslos, während Unternehmen während der Ferien weniger einstellen. Hildenbrand sieht dennoch Grund zur Sorge. Der saisonale Effekt treffe auf einen Arbeitsmarkt, „auf dem die Dynamik bei Neueinstellungen weiterhin verhalten ist und die Chancen auf eine schnelle Beschäftigungsaufnahme geringer sind als in früheren Jahren“.
Arbeitsmarkt verliert an Dynamik
Dass die Entwicklung über einen reinen Sommereffekt hinausgeht, zeigen weitere Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei den Arbeitslosen im Rechtskreis SGB III, zu denen überwiegend Menschen gehören, die erst vergleichsweise kurz arbeitslos sind und Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Ihre Zahl lag im August bei 156.760 und damit 10,5 Prozent über dem Vorjahreswert. Gleichzeitig ging die Zahl der Arbeitslosen im SGB II gegenüber dem Vorjahr um 4,8 Prozent zurück.
Auch die Beschäftigungszahlen zeigen Spuren der wirtschaftlichen Schwäche und des Strukturwandels. Die jüngsten gesicherten Daten liegen für Dezember 2025 vor. Damals waren knapp 4,95 Millionen Menschen im Land sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 5.846 weniger als ein Jahr zuvor. Hinter der nahezu stabilen Gesamtzahl verbergen sich allerdings deutliche Verschiebungen: Im Verarbeitenden Gewerbe gingen innerhalb eines Jahres 44.318 Arbeitsplätze verloren, ein Minus von 3,3 Prozent. Allein in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie betrug der Rückgang 36.589 Stellen. Beschäftigung aufgebaut wurde dagegen unter anderem im Sozial- und Gesundheitswesen sowie in der öffentlichen Verwaltung.
Auch bei den offenen Stellen bleibt die Entwicklung verhalten. Im August waren den Arbeitsagenturen 74.710 Stellen gemeldet. Das waren 1,7 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Jugendarbeitslosigkeit steigt
Besonders kräftig stieg im August die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen. 32.437 Menschen unter 25 Jahren waren arbeitslos gemeldet. Gegenüber Juli entspricht das einem Anstieg um 20,1 Prozent, gegenüber August 2025 um 5,2 Prozent. Die Jugendarbeitslosenquote lag bei 4,7 Prozent. Zum Vergleich: Im August 2019 waren es noch 3,3 Prozent.
Hildenbrand verweist auch hier auf den saisonalen Effekt. Beinahe die Hälfte des Anstiegs der Arbeitslosigkeit seit Juni entfalle auf unter 25-Jährige. Viele von ihnen dürften in den kommenden Wochen eine Ausbildung oder Beschäftigung beginnen. Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz riet der Minister, die Suche fortzusetzen: Auch jetzt seien noch freie Stellen vorhanden.
Tatsächlich standen Ende August landesweit 11.687 unversorgten Bewerberinnen und Bewerbern noch 17.516 unbesetzte Ausbildungsstellen gegenüber. Allerdings haben die Unternehmen deutlich weniger Ausbildungsplätze gemeldet als im Vorjahr. Seit Beginn des Berufsberatungsjahres registrierte die Bundesagentur 65.012 Ausbildungsstellen – 9,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Neun Prozent weniger Ausbildungsverträge
Ein ähnliches Bild zeigen die Zahlen der Industrie- und Handelskammern. Zum Stichtag 26. August waren in Baden-Württemberg 31.413 neue Ausbildungsverträge eingetragen. Das waren neun Prozent weniger als zum gleichen Zeitpunkt 2025.
Besonders stark ist der Rückgang in technischen Berufen mit einem Minus von 10,8 Prozent. In der Elektrotechnik wurden 15,6 Prozent weniger Verträge geschlossen, bei Fachinformatikern sogar 19,1 Prozent weniger. Auch bei den Kaufleuten für Büromanagement und den Industriekaufleuten gingen die Zahlen zweistellig zurück. Weitgehend stabil blieben dagegen unter anderem die Ausbildungsberufe im Hotel- und Gastgewerbe.
Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag sieht darin ein Warnsignal. „Der demografische Wandel macht keine Konjunkturpause“, erklärte BWIHK-Vizepräsident Claus Paal. Wer heute weniger junge Menschen ausbilde, verschärfe den Fachkräftemangel der kommenden Jahre. Nach Berechnungen des IHK-Fachkräftemonitors fehlen im Land bereits heute rund 143.000 Fachkräfte. Bis 2035 könnte die Lücke auf 373.000 anwachsen.
Wirtschaftskrise und KI verändern Ausbildung
Nach Einschätzung der IHK Region Stuttgart spielen mehrere Entwicklungen zusammen. Unternehmen überprüften angesichts der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung ihre Personalplanung und böten teilweise weniger Ausbildungsplätze an. Das betreffe insbesondere große Arbeitgeber in der Automobilindustrie, sagte IHK-Hauptgeschäftsführerin Susanne Herre dem SWR. Gleichzeitig hätten viele Unternehmen weiterhin Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden.
Hinzu kommt der Einsatz Künstlicher Intelligenz. Tätigkeiten wie Recherche, Dokumentation oder einfache Analysen können zunehmend automatisiert oder durch KI unterstützt werden. Nach Angaben der IHK verändert das auch den Berufseinstieg.
Paal warnt allerdings davor, daraus einen Bedeutungsverlust der beruflichen Bildung abzuleiten. „KI macht Ausbildung nicht überflüssig. Sie verändert, wofür und wie wir ausbilden müssen.“ Künftige Fachkräfte müssten lernen, KI einzusetzen, Ergebnisse zu bewerten und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen.
Der BWIHK fordert deshalb unter anderem eine stärkere Berufsorientierung an Schulen und den flächendeckenden Ausbau der Zusatzqualifikation „Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen“ an Berufsschulen. Zugleich appelliert Paal an Unternehmen, trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage an der Ausbildung festzuhalten: „Wer heute bei Ausbildung spart, muss Fachkräfte morgen auf einem immer enger werdenden Arbeitsmarkt suchen und teuer einkaufen.“