Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg: Zwischen Wandel und Widerstand
Ende 2024 standen in Baden-Württemberg nur 104 der rund 1.100 Städte und Gemeinden unter weiblicher Führung - ein Anteil von unter zehn Prozent. Gerade angesichts der anhaltenden Debatten über Gleichstellung und Frauen in Führungspositionen hätte man die Quote für 2024 deutlich höher geschätzt. Doch die Realität ernüchtert: Das Bürgermeisteramt bleibt eine Männerdomäne.
Genau diese Diskrepanz habe ich in meiner Bachelorarbeit unter der Forschungsfrage „Welche Herausforderungen und Chancen erleben Bürgermeisterinnen im Spannungsfeld zwischen beruflichen Anforderungen und tradierten Geschlechterrollen?“ untersucht. Für die Studie wurden alle amtierenden Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg befragt (Stichtag 31.12.2024). Mehr als jede Zweite (55 Prozent) gab einen tiefen Einblick in ihren Arbeitsalltag. Insgesamt zeichnet sich ein ambivalentes Bild ab: Fortschritte sind sichtbar, aber die Hürden bleiben hoch.
Diskriminierung von Bürgermeisterinnen im Wahlkampf
Die Hürden auf dem Weg ins Rathaus sind hoch und oft zutiefst persönlich. Fast die Hälfte der Befragten (43,4 Prozent) berichtet von geschlechtsbezogener Diskriminierung bereits im Wahlkampf. Dabei werden besonders häufig die fachliche Kompetenz und die Belastbarkeit der Frauen infrage gestellt. Ein massiver Unterschied zu männlichen Bewerbern zeigt sich beim Thema Privatleben: 61 Prozent der betroffenen Kandidatinnen wurden mit Fragen zur Familienplanung konfrontiert. Rund ein Fünftel musste sich sexistische Kommentare wie „Eine Frau gehört an den Herd“ anhören.
Die offenen Antworten aus der Befragung liefern dafür beachtliche Belege:
„Viele ältere Männer haben mir gesagt, dass sie mich lieber vor der Aufgabe schützen möchten und deshalb nicht wählen.“
„Bei einem Wahlstand hat ein Mann zu mir gesagt: Frau, jung, unverheiratet - eine Schande für die Stadt.“
„Trotz gleichem Studium und ähnlicher Vita musste ich mich immer erklären, warum ich dem Amt gewachsen sein soll. Bei meinem Mitbewerber hat das nie jemand infrage gestellt. ‚Was machen Sie, wenn Sie Kinder bekommen?‘ - wurde auch nur ich gefragt.“
Diese Zitate machen deutlich: Angehende Bürgermeisterinnen kämpfen nicht nur um Wählerstimmen, sondern oft um die grundlegende Anerkennung als gleichwertige Kandidatinnen.
Benachteiligung von Bürgermeisterinnen im Amt
Wer die Wahl gewinnt, hat die Vorurteile meist noch nicht hinter sich gelassen. Rund 36 Prozent der Rathauschefinnen erlebten auch während ihrer Amtszeit geschlechtsbezogene Benachteiligung - sei es durch ältere Bürger oder innerhalb der eigenen Verwaltung. Die Bandbreite reicht von Herablassung, wie dem Begriff „Unser Bürgermeister-Mädchen“, über das Übergehen bei Entscheidungen bis hin zu einer deutlich strengeren Bewertung von Fehlern als bei männlichen Kollegen. Besonders alarmierend: Einige Frauen berichten von sexuellen Übergriffen oder gezielten Diffamierungen im direkten Arbeitsumfeld. Eine Befragte schildert drastische Erfahrungen:
„Sexuelle Übergriffe durch Verwaltungskollegen - Fragen nach Unterwäsche und Körbchengröße [...] - Streuen von Gerüchten über die Treue meines Ehegatten und meine angeblichen Verhältnisse.“
Solche Erlebnisse sind kein Randphänomen. Sie verweisen auf ein strukturelles Problem, das weit über bloße Unhöflichkeiten hinausgeht.
Bürgermeisteramt und Familie: Vereinbarkeit bleibt schwierig
Überraschend positiv fällt zunächst das Urteil über das Thema Familie aus: 56,6 Prozent der Befragten bewerten die Vereinbarkeit von Amt und Familie als „gut“ oder „sehr gut“. Der Haken zeigt sich erst beim Blick auf die Details: Die Mehrheit der Befragten hat die intensive Familienphase schlicht bereits hinter sich oder hat sehr selbstständige Kinder. Wo noch jüngere Kinder im Haus sind, gelingt der Spagat fast ausschließlich durch ein extremes privates Unterstützungsnetzwerk. Meist spielt der Partner zu Hause eine elementare Rolle, übernimmt die Care-Arbeit und reduziert dafür die eigene Erwerbstätigkeit.
Eine Bürgermeisterin bringt es auf den Punkt:
„Wenn Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutet, dass ein anderer eben die gesamte Arbeit macht, dann kann ich sagen, es funktioniert. Aber sonst nicht.“
Eine klassische Elternzeit halten die meisten Befragten für kaum realisierbar. Mehr als acht Wochen Abwesenheit seien als Bürgermeisterin schlicht nicht drin. Die gesellschaftliche Erwartung einer ständigen Präsenz vor Ort bleibt damit einer der zentralen Konfliktfaktoren für Frauen in diesem Amt.
Frauen in kommunalen Führungspositionen: Stärken und Vorurteile
66 Prozent der befragten Bürgermeisterinnen haben das Gefühl, mehr beweisen zu müssen als männliche Amtsinhaber. Sie werden stärker beobachtet und kritisiert. Gleiches Verhalten gilt bei Frauen schnell als „zickig“ oder „emotional“, bei Männern als „durchsetzungsstark“.
Zugleich nutzen viele ihre Führungsqualitäten gezielt als Vorteil: Empathie, Kommunikationsstärke, Vermittlungsfähigkeit - Eigenschaften, die in der modernen Verwaltung immer wichtiger werden. Mehr als die Hälfte (56,6 Prozent) berichtet von Situationen, in denen ihr Geschlecht ein Vorteil war - etwa durch unterschätzte Verhandlungspositionen oder größeres Vertrauen bei Bürgerinnen und Bürgern.
Mehr Frauen in der Kommunalpolitik: Was sich ändern muss
Die Bürgermeisterinnen selbst formulieren klare Forderungen: ein gesellschaftliches Umdenken bei Rollenbildern, mehr Verständnis für Doppelbelastungen, stärkere Vernetzung und Mentoring-Programme - vor allem aber die Normalisierung von Frauen in diesem Amt:
„Ich wünsche mir, dass zukünftige Bürgermeisterinnen nicht mehr als Ausnahme, sondern als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden.“
„Die Rolle des männlichen Partners sollte in der Gesellschaft akzeptiert werden. Wieso sollte nicht der Mann der ‚Begleiter‘ der Bürgermeisterin sein?“
Fazit: Bürgermeisterinnen bleiben strukturell benachteiligt
Die Studie zeigt: Trotz positiver Entwicklungen und individueller Erfolgsgeschichten stehen Bürgermeisterinnen weiterhin vor geschlechtsspezifischen Hürden - von Diskriminierung im Wahlkampf bis zu Rollenkonflikten im Amt. Die Vereinbarkeit von Amt und Familie gelingt oft nur durch private Unterstützung. Politische Initiativen zur Förderung von Frauen in der Kommunalpolitik sind nötig, müssen aber von einem grundlegenden Wandel der gesellschaftlichen Erwartungen begleitet werden.
Die vollständige Bachelorarbeit finden Sie unter https://is.gd/rxsBIp.
Frauen in der Kommunalpolitik - vernetzt und engagiert
In Baden-Württemberg sitzen seit der Kommunalwahl 2024 5.080 Frauen in den Gemeinderäten der 1.101 Städte und Gemeinden. Somit wird jedes vierte kommunale Mandat am Ratstisch von einer Frau im Ehrenamt ausgeübt. Der Frauenanteil im Kreistag beträgt 21,5 Prozent. Im Amt der Oberbürgermeisterin oder Bürgermeisterin einer baden-württembergischen Stadt oder Gemeinde befinden sich aktuell über 120 Frauen, die sich teilweise erst wenige Monate oder bereits seit über 30 Jahren für die örtliche Gemeinschaft und die Belange der Menschen vor Ort einsetzen.
Die Oberbürgermeisterinnen und Bürgermeisterinnen vernetzen sich eigenverantwortlich und selbstverwaltend und treffen sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und Netzwerk. Im Jahr 2026 liegt die federführende Organisation bei Bürgermeisterin Annick Grassi, Waldachtal. Bürgermeisterinnen, die dem Netzwerk gerne beitreten möchten, können sich unter grassi@waldachtal.de anmelden.
Auch innerhalb der Verbandsstruktur steht der Erfahrungsaustausch im Blick. So gründete der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) im Jahr 2023 den Arbeitskreis „Frauen in der Kommunalpolitik“, der seitdem als Netzwerk für Bürgermeisterinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dient. Teil des Netzwerkes ist auch Elke Büdenbender, die Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. 2024 fand zuletzt der 3. Frauenkongress kommunal des DStGB statt, bei dem neue Schätzungen vorgestellt wurden, wonach der Anteil der Bürgermeisterinnen in Deutschland bei 13,5 Prozent liegt.
Für den Gemeindetag Baden-Württemberg koordiniert Präsidiumsmitglied Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mench (Freiamt), die auch Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Landwirtschaft und Ländlicher Raum des Gemeindetags Baden-Württemberg ist, die Mitwirkung der baden-württembergischen Kommunalpolitikerinnen beim DStGB. Das nächste bundesweite Arbeitstreffen findet am 2. und 3. November 2026 in Berlin statt. Interessierte Bürgermeisterinnen können sich unter reinbold-mench@freiamt.de an Frau Reinbold-Mench wenden.
Verschiedene politische Stiftungen bieten Qualifizierungs- und Förderprogramme für Frauen in der Kommunalpolitik an - darunter die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Konrad-Adenauer-Stiftung. Letztere hat mit der „Master Class Bürgermeisterin“ beispielsweise ein gezieltes Programm speziell für Frauen entwickelt, die eine Kandidatur für das Bürgermeisterinnenamt anstreben. Informationen dazu finden Interessierte unter www.kas.de/bw.
Zur Autorin

Nadine Schmid hat ihr Studium im Public Management an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg abgeschlossen. Mittlerweile ist sie in Neuhausen auf den Fildern tätig.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 8/2026 des die:gemeinde-Magazins