Aus Hindernissen Chancen machen
„In Baden-Württembergs Städten und Gemeinden hat sich bei der Barrierefreiheit in den vergangenen Jahren durchaus einiges getan“, sagt Alexander Lang. Der Experte für barrierefreie Mobilität sitzt selbst im Rollstuhl und berät und unterstützt seit Jahren Kommunen im Land bei der Umsetzung barrierefreier Infrastruktur. „Die großen Städte sind da relativ gut bespielt“, erklärt er. Im Ländlichen Raum dagegen – besonders Orte, die unter 20.000 Einwohnerinnen und Einwohner haben – gebe es seiner Erfahrung nach allerdings noch viel Luft nach oben.
Dabei seien die Herausforderungen in kleinen Gemeinden dieselben wie in der Großstadt. In mancher Hinsicht wären sie hier sogar drängender. Denn gerade dort, wo Einzelhandel und ÖPNV-Anbindung dünn gesät sind, können für alle, die nicht selbst Auto fahren und auf gute Fußwege angewiesen sind, schon einzelne Barrieren den Alltag stark beeinträchtigen.
Alexander Lang, Experte für barrierefreie Mobilität, unterstützt kleine und mittlere Gemeinden bei der Umsetzung. Foto: Maren Recken
„Das Thema betrifft längst nicht nur Menschen mit Behinderung“, unterstreicht Lang. Das mache er auch immer wieder in Gemeinderäten deutlich. „Spreche ich von Barrierefreiheit, heißt es oft, man habe einen oder zwei Betroffene und die kämen gut zurecht.“ Daraufhin verweist er auf den demographischen Wandel: Nachlassende Mobilität im Alter, schlechter werdendes Sehvermögen, unsicherer werdende Schritte. Das kann früher oder später jeden treffen. „Und dann macht es auf einmal Klick: Hallo, das bin ich ja auch“, erzählt Lang.
Barrierefreiheit in Städten und Gemeinden: Kombination von Förderungen möglich
Dass die Barrierefreiheit in vielen Kommunen dennoch oft hintansteht, hat, wie Lang betont, nicht nur mit fehlendem Bewusstsein zu tun: Geld und Personal seien in vielen Kommunen knapp. Für die aufwändige Recherche und Beantragung von Fördermitteln fehle schlicht die Kapazität. Genau hier setzt seine Arbeit in der Regel an. Lang und sein Team übernehmen für Kommunen nicht nur die Beratung und Planung, sondern auf Wunsch auch die Erstellung der Förderanträge. „Eine Gemeinde mit 14, 15 Leuten auf dem Rathaus, die ohnehin viel zu tun haben, hat meistens keine Zeit, dieses Thema dann auch richtig zu beackern, obwohl sie es eigentlich oft dringend brauchen.“
In Heimsheim wird Barrierefreiheit Schritt für Schritt Realität. Basis dafür ist ein Gesamtkonzept, das Fußverkehr, Radwege und ÖPNV zusammendenkt. Foto: Fried
Die Förderlandschaft für barrierefreie Mobilität in Baden-Württemberg sei nämlich durchaus üppig, betont Lang. Er lobt ausdrücklich, was das Land hier bietet. Es ist auch der Grund, warum er sich in seiner Arbeit vorwiegend auf Baden-Württemberg konzentriert. Als Betroffener weiß er, wovon er spricht: „Ich kann mich vorwiegend hier in Baden-Württemberg bewegen, weil es diese Fördermöglichkeiten und Umsetzungshilfen hier gibt.“ In anderen Bundesländern, wo er nicht selten für Seminare unterwegs ist, sehe das schon ganz anders aus. Daher setzt er sich dafür ein, dass Kommunen diese Möglichkeiten auch tatsächlich nutzen.
„Ein wichtiger Hebel sind sogenannte Mobilitätskonzepte – etwa Fuß- oder Radverkehrskonzeptionen oder Klimamobilitätspläne“, erklärt er. Deren Erstellung werde bereits mit bis zu 50 Prozent bezuschusst, maximal mit 200.000 Euro. Der entscheidende Vorteil liegt jedoch im nächsten Schritt: Alle Umsetzungsmaßnahmen, die aus einem solchen Konzept hervorgehen, werden mit einer erhöhten Förderquote von 75 Prozent gefördert. Kommen Umweltaspekte hinzu, sogar mit bis zu 90 Prozent. „Und dann wird es für Kommunen wirklich superinteressant“, sagt Lang mit Blick auf die angespannte Finanzlage. „Ein Kreisverkehr mit zwei barrierefreien Bushaltestellen kostet rund 480.000 Euro. Die Stadt musste am Ende jedoch nur etwa 80.000 Euro aus eigener Tasche beisteuern“, erläutert er an einem Beispiel aus seiner Praxis.
Heimsheim und Mönsheim machen es vor
Hierbei können Experten wie Lang und sein Team Kommunen unterstützen. In der Zusammenarbeit beschreibt er dabei zwei grundsätzliche Wege. Der erste setzt auf breite Bürgerbeteiligung: Eine Steuerungsgruppe – etwa ein Stadtseniorenrat oder eine eigens eingerichtete Task Force – sammelt gemeinsam mit Bürgern, Bauhof und Bauamt die Problempunkte vor Ort. Gemeinsame Begehungen, die Lang dann mit der Gruppe übernimmt, machen sichtbar, wo der Schuh drückt. Der zweite Weg ist schlanker: Lang arbeitet direkt mit dem Bauamt zusammen und erarbeitet gemeinsam mit der Fachabteilung Verbesserungen. Welcher Ansatz der richtige ist, hängt von der jeweiligen Gemeinde ab, betont er – beide können sinnvoll sein.
Ob Rollstuhlfahrende, Seniorinnen und Senioren oder Familien mit Kinderwagen – Barrierefreiheit ist ein Thema für alle.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel Heimsheim. Die Stadt im Enzkreis gilt mit ihrem Vorgehen heute als Leuchtturmprojekt für barrierefreie Mobilität im Ländlichen Raum. „Das fing ganz typisch an“, erinnert sich Lang. „Hier gab es eine Schublade voller Bürgerbeschwerden.“ Ein Stadtseniorenrat, der 2013 gegründet wurde, um sich gezielt den Themen der älteren Generation zu widmen, beschloss die Beschwerden endlich anzugehen. Man zog Lang hinzu und so kam der Prozess in Gang.
Eine erste Testphase konzentrierte sich auf das Gebiet rund um den Schlossplatz und umfasste Workshops, Begehungen und Bestandsaufnahmen. Erste Maßnahmen wurden bereits umgesetzt und die Ergebnisse dem Gemeinderat vorgestellt, der dem weiteren Vorgehen zustimmte. Seitdem sind die erforderlichen Mittel fest im Haushalt eingestellt und künftige Bauprojekte werden nicht nur von Planern, sondern auch von Betroffenen geprüft. Bei den notwendigen Vorhaben zeigte sich schnell ein Muster: Die Mängel häuften sich entlang bestimmter Routen. Genau dort, wo sich die meisten Menschen zu Fuß bewegen. Etwa vom Wohngebiet zum Rathaus, zur Kirche, zur nächsten Versorgungseinrichtung. Daraus entstand die Idee, keinen Flickenteppich aus Einzelmaßnahmen zu schaffen, sondern diese Routen systematisch barrierefrei auszubauen – mit Blindenleitsystemen, Bordabsenkungen und gesicherten Querungsstellen.
Die Grundlage bildet ein Gesamtkonzept, das Fußverkehr, Radverkehr, ÖPNV und Schulwege zusammendenkt. Klug verknüpft mit ohnehin anstehenden Infrastrukturmaßnahmen – etwa dem Breitbandausbau – ließen sich Synergien nutzen, Kosten sparen und Förderungen kombinieren. Corona verzögerte dann zwar vieles, doch das Konzept wird nach und nach Realität. Heute wird das Konzept stets zur Hand genommen, bevor in Heimsheim eine Straße aufgerissen wird. Barrierefreiheit wird hier nicht als Bürde, sondern als Investition in die Zukunft einer Gemeinde begriffen. Eine Sichtweise, für die der Experte plädiert.
Auch die Nachbargemeinde Mönsheim, ebenfalls im Enzkreis, arbeitet inzwischen an einem barrierefreien Fußwegekonzept nach demselben Prinzip. Auch hier mündete eine systematische Bestandsaufnahme in einen Netzplan, der Schulwege, Radwege und Barrierefreiheit zusammenführt und aus dem dann konkrete Umsetzungsschritte abgeleitet werden.
Umsetzung statt Schublade
Ein Rat, den Lang Kommunen mitgibt, die sich dem Thema Barrierefreiheit widmen: Bei der Umsetzung sollte man auf spezialisierte und erfahrene Partner setzen. Er selbst arbeitet eng mit Verkehrsplanern und spezialisierten Ingenieurbüros zusammen. Die nötigen Erfahrungswerte sind die Grundlage jeder soliden Planung. Gerade beim Bau von Bushaltestellen erlebt Lang immer wieder, wie viel schiefläuft, wenn das nötige Fachwissen bei den Firmen fehlt: „Leider gibt es viele Beispiele, die gut gemeint, aber falsch und letztlich unnötig teuer umgesetzt wurden.“
Lang, der sich in seiner Beratung bewusst auf kleine und mittlere Gemeinden fokussiert, ist überzeugt: Wenn der politische Wille da ist, ist derzeit bei der Barrierefreiheit vieles möglich, „wenn die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister, der Gemeinderat sowie das Bauamt dahintersteht.“ Dies sei die entscheidende Voraussetzung, um eine barrierefreie Infrastruktur zu realisieren. So entstehe am Ende nicht nur eine Mappe, die in der Schublade verschwindet. „Ich sage immer, wir machen keine Konzepte, wir machen Umsetzungsvorlagen“, unterstreicht der Experte.
Eine sogenannte Rollibank ermöglicht es Menschen im Rollstuhl, direkt neben anderen Personen Platz zu nehmen.
Ein barrierefrei gestalteter öffentlicher Platz in Sersheim.
Kleine Maßnahmen, große Wirkung: Abgesenkte Bürgersteige und Blindenleitsysteme erleichtern den Alltag vieler Menschen.