Bühne der Lehrstellenrallye auf dem Pfullinger Marktplatz
Bei der Lehrstellenrallye besuchen Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 10 rund 50 Betriebe der heimischen Wirtschaft. Auch die Stadt präsentiert sich auf einer Bühne auf dem Marktplatz.
© Stadt Pfullingen/Markus Hehn

Auf Tour durch die Arbeitswelt

Die OECD bemängelt, dass in Deutschlands Schulen zu wenig Berufsorientierung passiert und Jugendliche deshalb unsicher in ihre Zukunft blicken. Für Pfullingens Jugendliche gilt das nicht: Die Stadt veranstaltet alljährlich eine Lehrstellenrallye, die Schülerinnen und Schüler direkt in die Betriebe bringt.

Rund die Hälfte der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist unsicher über ihre berufliche Zukunft. Das ist das Urteil einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem April dieses Jahres. Im Vergleich unter allen OECD-Staaten ist das der dritthöchste Wert. Bei dieser Sonderauswertung der jüngsten PISA-Studie zur Berufsorientierung gaben zudem 70 Prozent der Befragten an, die Schule habe sie kaum auf das Leben nach der Schulzeit vorbereitet. Das wiederum ist der höchste Wert im OECD-Vergleich.

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher macht dafür vor allem fehlende Praxiserfahrung im schulischen Bereich verantwortlich. „Es fehlt an Gelegenheiten, echte Arbeitswelten zu erleben“, sagte er dem Deutschen Schulportal. Betriebsbesichtigungen und Berufsmessen seien in Deutschland deutlich seltener als in anderen Ländern.

Berufsorientierung: Wirtschaft und Jugend zusammenbringen

Pfullingens Bürgermeister Stefan Wörner

Pfullingens Bürgermeister Stefan Wörner hat die Rallye mit ins Leben gerufen. Sie findet dieses Jahr bereits zum vierten Mal statt. Foto: Stadt Pfullingen/Thomas Kiehl

Dass Kommunalverantwortliche hier durchaus entgegensteuern können, zeigt ein Beispiel aus Pfullingen. Die Stadt im Landkreis Reutlingen mit rund 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern veranstaltet gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer, der Agentur für Arbeit und der städtischen Wirtschaftsförderung jedes Jahr eine sogenannte Lehrstellenrallye.

„Daran nehmen rund 50 Betriebe aus der heimischen Wirtschaft teil“, erzählt Pfullingens Bürgermeister Stefan Wörner. Diese würden bereits im Vorfeld ihre Ausbildungsplätze bewerben. An einem festgelegten Aktionstag werden die Schülerinnen und Schüler der Klassen 8, 9 und 10 an mehreren Schulen der Stadt vom Unterricht freigestellt.

Jeder Betriebsbesuch werde in einer Roadmap dokumentiert. „Wer eine Mindestanzahl an Aufklebern sammelt, nimmt am Ende des Tages an einer Verlosung teil“, erklärt Wörner weiter. Zu Beginn begrüßen der Bürgermeister und die Schulleitungen stets die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer Bühne in der Stadt. Und dann geht es los: Die Jugendlichen besuchen die teilnehmenden Betriebe vor Ort – in den Werkstätten, Büros und Gewerbebetrieben der Stadt. Da in Pfullingen mehrere Gewerbestandorte weitläufig verteilt sind, organisiert die Stadt einen Shuttlebus, der die Gruppen zu den einzelnen Stationen bringt.

Den Abschluss bildet eine gemeinsame Veranstaltung an einer der Schulen – mit erstem Feedback und der Preisübergabe. Diesen Termin lässt sich Wörner nicht entgehen und ist vor Ort. „Es ist immer sehr schön zu sehen, wie gut gelaunt die Jugendlichen zurückkommen“, sagt er.

Nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern kommt die Aktion gut an. Auch die Resonanz bei den Betrieben sei laut Wörner sehr gut. „Wir haben über die letzten Jahre immer wieder zurückgemeldet bekommen, dass Praktika entstanden sind und auch schon Ausbildungsplätze besetzt werden konnten, die auf den Erstkontakt dieser Lehrstellen-Rallye zurückzuführen waren.“ Man könne sagen, die Veranstaltung trägt Früchte und ist sehr erfolgreich.

Mit der Organisation des Events begann die Stadt im Jahr 2022. Damals kam die Handwerkskammer Reutlingen auf den Bürgermeister zu und berichtete von einer ähnlichen Veranstaltung. „Ich fand das eine sehr gute Idee und habe sie sehr gerne aufgegriffen.“ Auch die Schulen der Stadt wurden früh eingebunden: das Friedrich-Schiller-Gymnasium, die Wilhelm-Hauff-Realschule und das SBBZ-Uhlandschule. Die Resonanz der Schulleitungen war laut dem Bürgermeister eindeutig. „Es kam sehr schnell die Rückmeldung, dass sie gerne mit dabei sind.“ Im September 2023 fand dann die erste Lehrstellen-Rallye in Pfullingen statt.

Bewährt und etabliert

„Es hat sich bewährt, frühzeitig auf verschiedene Kooperationspartner zuzugehen. Wir haben überall offene Türen angetroffen. Alle waren bereit, sich einzubringen“, rät Wörner anderen Kommunen, die ähnliche Aktionen fördern möchten. „Einfach mal probieren. Wir haben das auch so gemacht und waren sehr gespannt, wie es sich entwickelt. Und jetzt machen wir bald die vierte Lehrstellen-Rallye.“

Auch die Stadt selbst als Arbeitgeber profitiere von der Rallye. „Wir sind natürlich als Station mit dabei und präsentieren sämtliche Ausbildungsberufe und Studiengänge, die wir als Stadt anbieten – das geht von Erziehern über den Forstwirt bis hin zu den klassischen Verwaltungsberufen“, so Wörner.

Mittlerweile sei die Rallye etabliert und fester Bestandteil in den entsprechenden Klassenstufen der Pfullinger Schulen. Und auch für die heimische Wirtschaft ist, wie die rege Teilnahme zeigt, der Nutzen groß: Wer seine Ausbildungsplätze nicht besetzen kann, findet in der Lehrstellen-Rallye eine direkte Verbindung zu den Jugendlichen vor Ort.