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„Albergo Diffuso“: Das Dorf wird zum Hotel

Im Schwarzwald wird ein ungewöhnliches Tourismuskonzept erprobt: Statt neuer Hotelbauten sollen ganze Orte zu dezentralen Hotelanlagen werden. Die Idee stammt aus Italien – und könnte auch in Baden-Württemberg zum Instrument der Dorfentwicklung werden. Doch der Ansatz verlangt den Kommunen mehr ab als klassische Tourismusprojekte.

Das Tourismusmodell „Albergo Diffuso“ stammt aus Italien – und wird nun erstmals auch in Baden-Württemberg erprobt. Im Schwarzwald sollen ganze Orte zu dezentralen Hotelanlagen werden, um Leerstand zu nutzen und Ortskerne zu beleben. Der Ansatz gilt als vielversprechend, stellt Kommunen aber vor neue organisatorische und gesellschaftliche Herausforderungen.

Was genau steckt hinter dem Konzept? Im Kern geht es darum, dass es nicht wie bislang ein oder mehrere Hotels im Dorf gibt, sondern das Dorf selbst zum Hotel wird. Gäste wohnen nicht in einem zentralen Gebäude, sondern in bestehenden Häusern, die über den Ort verteilt sind. Eine Rezeption dient als organisatorischer Knotenpunkt, während Frühstück, Gastronomie und Dienstleistungen von lokalen Betrieben übernommen werden.

Das Modell setzt bewusst auf gewachsene Strukturen. Neue Baukörper entstehen in der Regel nicht. Stattdessen werden leerstehende oder untergenutzte Gebäude aktiviert. Die Wege bleiben kurz, die Einbindung in den Ort eng. Für Gäste entsteht so ein Aufenthalt, der weniger an ein klassisches Hotel erinnert als an ein temporäres Leben im Dorf.

Ein Konzept aus der Krise heraus

Seinen Ursprung hat das Modell in Italien. Geprägt wurde es unter anderem vom Tourismusforscher Giancarlo Dall'Ara. In den 1980er-Jahren suchte man nach Lösungen für strukturschwache Regionen, die unter Abwanderung und Leerstand litten. Besonders nach Naturkatastrophen wie Erdbeben stellte sich die Frage, wie zerstörte oder verlassene Ortskerne wiederbelebt werden können – ohne sie durch neue Hotelanlagen zu überformen.

Die Antwort war radikal und zugleich naheliegend: Statt Tourismus „von außen“ in Form großer Hotelkomplexe zu etablieren, sollte er sich aus dem Ort selbst entwickeln. Bestehende Gebäude wurden zu Gästeunterkünften umfunktioniert, die Identität des Ortes blieb erhalten.

Apricale und andere Beispiele

Ein oft zitiertes Beispiel ist das ligurische Dorf Apricale. In der mittelalterlichen Struktur des Ortes verteilen sich die Unterkünfte über enge Gassen und historische Häuser. Gäste bewegen sich selbstverständlich durch den Ort, nutzen lokale Angebote und werden Teil des Alltags.

Ähnliche Modelle finden sich heute in verschiedenen Regionen Italiens – von Friaul über die Abruzzen bis nach Sardinien. Inzwischen existieren mehr als hundert Alberghi Diffusi, organisiert unter anderem durch die Associazione Nazionale Alberghi Diffusi. Der Verband definiert Qualitätsstandards und sorgt dafür, dass das Konzept nicht zur bloßen Vermietungsplattform verkommt, sondern seine ursprüngliche Idee bewahrt.

Wertschöpfung im Ort halten

Ein zentrales Argument für das Modell ist die lokale Wertschöpfung. Anders als bei großen Hotelanlagen, bei denen ein Teil der Einnahmen an externe Betreiber fließt, bleibt beim Albergo Diffuso ein Großteil des Geldes im Ort. Gäste übernachten in lokalen Gebäuden, essen in örtlichen Restaurants und nutzen Dienstleistungen vor Ort.

Studien und Erfahrungen aus Italien legen nahe, dass gerade kleinere Orte davon profitieren können. Leerstand wird reduziert, Handwerksbetriebe und Gastronomie erhalten neue Perspektiven. Gleichzeitig wird kein zusätzlicher Flächenverbrauch erzeugt – ein Aspekt, der auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Übertragung in den Schwarzwald

Im Schwarzwald soll das Konzept nun adaptiert und weiterentwickelt werden. Initiiert wird das Projekt von der Schwarzwald Tourismus GmbH in Zusammenarbeit mit touristischen Partnern und mit Unterstützung des Landes. „Wir stellen ein sehr großes Interesse fest – bei unseren drei Präsenz-Info-Veranstaltungen in der Ferienregion Schwarzwald waren ca. 50 Teilnehmende dabei“, sagt Pressesprecher Michael Gilg von der Schwarzwald Tourismus GmbH auf anfrage von die:gemeinde. „Es folgten individuelle Gespräche. Letztendlich liegen im Moment Bewerbungen von fünf Orten vor. Im Rahmen unserer Konzepterstellung gingen wir von mindestens drei und maximal fünf Orten aus“, so Gilg weiter. 

Die Zielsetzung geht dabei über klassischen Tourismus hinaus. Es geht explizit um Dorfentwicklung: Ortskerne sollen belebt, bestehende Strukturen gestärkt und neue wirtschaftliche Impulse gesetzt werden. Tourismus wird damit zum Instrument kommunaler Strukturpolitik. Die Anforderungen an teilnehmende Orte sind klar definiert. Gebäude müssen in räumlicher Nähe zueinander liegen, zentrale Organisationsstrukturen müssen geschaffen werden. Vor allem aber braucht es funktionierende lokale Angebote – von Gastronomie bis Dienstleistungen.

Start ab 2027 angepeilt

Für Kommunen geht das Konzept mit einem hohen Koordinationsaufwand einher. Anders als bei einem klassischen Hotelprojekt gibt es keinen einzelnen Betreiber, der Planung und Betrieb übernimmt. Stattdessen müssen verschiedene Akteure zusammenarbeiten: Eigentümer, Gastronomen, Dienstleister und die Kommune selbst. Auch die Schwarzwald Tourismus GmbH sieht darin eine Hürde.

„Eine der größten Herausforderung wird es sein, eine Anzahl von drei bis fünf Personen pro Ort zu finden, die sich bis Jahresende kontinuierlich um den Prozess vor Ort kümmern und ein örtliches Netzwerk aufbauen und verfestigen, um konzentriert ein umsetzungsreifes Konzept für ihren Ort zu erarbeiten“, sagt Michael Gilg.

Damit könne dann ab 2027 die konkrete Gestaltung eines „Schwarzwald.Dorf.Hotel.-Albergo Diffuso“ gestartet werden. Das erfordert neue Formen der Organisation. Fragen der Trägerschaft, der Finanzierung und der langfristigen Steuerung müssen geklärt werden. Gleichzeitig braucht es ein professionelles Management, um Qualität und Verlässlichkeit sicherzustellen. 

Der entscheidende Faktor: die Bevölkerung

Noch wichtiger als die organisatorischen Fragen ist jedoch die Akzeptanz vor Ort. Das Konzept greift tief in den Alltag eines Dorfes ein. Gäste sind nicht mehr nur Besucher, sondern bewegen sich mitten im Ort, nutzen öffentliche Räume und werden Teil des sozialen Gefüges.

Deshalb gilt: Ohne Rückhalt in der Bevölkerung funktioniert das Modell nicht. Projekte können nur dann erfolgreich sein, wenn die Bewohner eingebunden werden und den Ansatz mittragen. Erfahrungen aus Italien zeigen, dass fehlende Akzeptanz einer der häufigsten Gründe für das Scheitern solcher Vorhaben ist.

Risiken und Zielkonflikte

Neben der Akzeptanz gibt es weitere Herausforderungen. Steigende Immobilienpreise können dazu führen, dass Wohnraum knapper wird. Nutzungskonflikte zwischen Tourismus und Alltag sind möglich, ebenso zusätzliche Verkehrsbelastungen.

Für Kommunen stellt sich damit die Frage, wie sich wirtschaftliche Chancen und soziale Stabilität in Einklang bringen lassen. Der Erfolg des Modells hängt entscheidend davon ab, ob diese Balance gelingt.

Pilotphase mit offenem Ausgang.

Ob sich das italienische Modell eins zu eins übertragen lässt, ist offen. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich – rechtlich, wirtschaftlich und kulturell. Klar ist jedoch: Der Ansatz bietet eine neue Perspektive auf Tourismus im ländlichen Raum. Michael Gilg formuliert die Ziele so: „Wir erhoffen uns einen Dorfentwicklungsprozess in Gang zu setzen, der den Tourismus vor Ort stärkt, aber auch Herausforderungen wie zunehmendem Leerstand, Investitionsstau, schwindender Nahversorgung und einem Verlust an Lebendigkeit in den Dorfkernen entgegenwirkt. Das Konzept „Schwarzwald.Dorf.Hotel. Albergo Diffuso“ bietet einen konkreten Lösungsansatz und Chancen für den Ort, durch die Nutzung bestehender Gebäude, echte Gastgeberkultur und die Kraft regionaler Identität, Orte mit Leben zu füllen.“

Ein Perspektivwechsel

Das Albergo Diffuso verändert den Blick auf das Verhältnis von Tourismus und Gemeinde grundlegend. Nicht mehr das einzelne Hotel steht im Mittelpunkt, sondern das Dorf als Ganzes. Für Kommunen eröffnet das Chancen – verlangt aber zugleich ein hohes Maß an Steuerung, Abstimmung und Beteiligung. Ob daraus ein nachhaltiges Modell für den Schwarzwald wird, entscheidet sich nicht in Konzeptpapieren. Sondern vor Ort.