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Zankapfel Zentrum

Mehr Grün, Sicherheit und Platz zum Verweilen versus Autos, Parkplätze und gute Erreichbarkeit – in vielen Innenstädten und Ortskernen prallen diese Interessen aufeinander. Vertreter aus Politik und Handel beleuchten für die:gemeinde die unterschiedlichen Perspektiven auf diesen Zielkonflikt der kommunalen Stadt- und Mobilitätsentwicklung.

Ortskerne stehen vielerorts unter Druck: Onlinehandel und ein verändertes Mobilitätsverhalten – etwa durch viele Fahrten zu großen Einkaufszentren außerhalb – lassen klassische Einzelhandelsangebote innerorts verschwinden. Zugleich wächst der Wunsch nach mehr Freiräumen in den Zentren: Nach mehr Grün, Platz zum Verweilen und Begegnung, gerade weil ein reines Einkaufsangebot allein viele Menschen nicht mehr in die Ortszentren oder Innenstädte zieht. Damit verbunden ist nicht selten die Forderung, dem Auto eine geringere Bedeutung einzuräumen. Allerdings liegt der Anteil der Menschen, die statistisch in Deutschland überwiegend mit dem Auto unterwegs sind, bei rund 40 Prozent, im Ländlichen Raum sind es in der Regel noch mehr.

Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die Debatte um Verkehrsberuhigung in Innenstädten und Ortskernen. Sind attraktive Zentren nur verkehrsberuhigt oder gar autofrei möglich? die:gemeinde lässt im Folgenden Vertreter des Verkehrsministeriums und des Handelsverbands in Gastbeiträgen zu Wort kommen, um die unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema sichtbar zu machen.

Ortszentren im Wandel: Wie Kommunen um tragfähige Kompromisse ringen

Klar ist: Pauschale Lösungen beenden solche Diskussionen selten. Das zeigt beispielsweise Öhringen im Hohenlohekreis. Die Stadt mit rund 26.000 Einwohnerinnen und Einwohnern nimmt seit 2024 am Förderprogramm „THE STÄDT“ teil. Mit diesem unterstützt das Land Kommunen dabei, neue Impulse für attraktive Ortsmitten zu setzen. Öhringen wurde hier für ein „Prozess-Coaching Einzelhandel und Mobilität“ ausgewählt. Ziel war es, Verwaltung, Politik, Bürgerschaft und Einzelhandel an einen Tisch zu bringen, um Ideen für eine zukunftsfähige Innenstadt zu entwickeln.

Im Fokus standen mehr Aufenthaltsqualität, sichere Wege für Fuß- und Radverkehr sowie eine gute Erreichbarkeit des Zentrums. Besonders der Marktplatz und die Rathausstraße sollten neu gedacht werden – bis hin zu einer möglichen Fußgängerzone. Ein zentraler Baustein war die Bürgerbeteiligung. Einwohnerinnen und Einwohner konnten ihre Wünsche und Anregungen einbringen. Genannt wurden insbesondere mehr Grün, Sitzgelegenheiten und Veranstaltungen – aber ebenso ausreichende Parkmöglichkeiten und eine unkomplizierte Anfahrt. Die Ergebnisse zeigen die typischen Zielkonflikte vieler Kommunen. 

In Öhringen mündete die Diskussion schließlich in einen Test zur temporären Durchfahrtsbeschränkung am Marktplatz. Sie sollte den Autoverkehr reduzieren und die Aufenthaltsqualität erhöhen. Doch eine Evaluation des Tests zeigte kürzlich: Die Maßnahme brachte kaum messbare Verbesserungen und wurde teils nicht eingehalten. Auch der Handel der Stadt bekundete praktische Probleme bei Lieferungen.

Der Gemeinderat entschied daher Ende 2025, die Sperrung wieder aufzuheben – bei knapper Mehrheit und nach intensiver Debatte. Ein nächster Schritt ist nun ein für 2026 geplanter Verkehrsversuch auf dem Marktplatz. Anders als die bisherige Durchfahrtsbeschränkung soll diesmal die gesamte Flächennutzung neu gedacht werden. Vorgesehen ist, eine veränderte Verkehrsführung und Raumaufteilung testweise umzusetzen – etwa mit mehr Platz für Außengastronomie, temporärem Grün oder flexibler Möblierung. Parallel werden Lieferzonen, Kurzzeitparkplätze und alternative Zufahrtsregelungen erprobt, um die Erreichbarkeit für Handel, Anwohnende und Besucherinnen und Besucher zu sichern. Der Versuch ist ergebnisoffen angelegt. In dieser Weise Wege zu finden, Auto und Aufenthaltsqualität miteinander zu vereinbaren, könnte eine der zentralen Lösungsrichtungen hin zu zukunftsfähigen Zentren sein. 

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