© Adobe Stock

Wenn für das Rathaus nur noch einer kandidiert

Das Bürgermeisteramt gehört für Steffen Jäger weiterhin zu den spannendsten politischen Ämtern. Doch wachsende Verantwortung, schwindende Gestaltungsspielräume und persönliche Anfeindungen machen eine Kandidatur zunehmend unattraktiv. Der Gemeindetagspräsident fordert deshalb bessere Rahmenbedingungen.

Eine einzige Bewerbung bei einer Bürgermeisterwahl muss noch kein Zeichen für Bewerbermangel sein. Tritt eine beliebte Amtsinhaberin oder ein beliebter Amtsinhaber erneut an, rechnen sich mögliche Gegenkandidaten häufig nur geringe Chancen aus. Dass es 2025 allerdings bei 69 von 152 Bürgermeisterwahlen in Baden-Württemberg lediglich eine Bewerbung gab, lässt sich nach Einschätzung von Gemeindetagspräsident Steffen Jäger damit allein nicht erklären.

Das Bürgermeisteramt sei nach wie vor eines der spannendsten politischen Ämter, seine Rahmenbedingungen hätten aber zunehmend an Attraktivität verloren. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister trügen eine außergewöhnlich breite Verantwortung: Sie seien direkt gewählt, leiteten die Gemeindeverwaltung, seien Vorgesetzte der Beschäftigten, verträten die Kommune nach außen und führten den Vorsitz im Gemeinderat. Gleichzeitig seien sie vor Ort nahezu rund um die Uhr ansprechbar. Abend- und Wochenendtermine und eine hohe öffentliche Präsenz gehörten zum Amt.

Mehr Verantwortung, weniger Spielraum

Diese Verantwortung sei in den vergangenen Jahren weiter gewachsen, während die tatsächlichen Gestaltungsmöglichkeiten abgenommen hätten. Bund und Land übertrügen den Kommunen immer neue Aufgaben, schafften zusätzliche Standards und erhöhten rechtliche und bürokratische Anforderungen. Gleichzeitig fehlten vielen Gemeinden die finanziellen Mittel, um die Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen.

Die Rathausspitzen müssten vor Ort erklären, warum notwendige Investitionen ausblieben oder Einrichtungen eingeschränkt würden – obwohl sie wesentliche finanzielle und rechtliche Rahmenbedingungen selbst nicht beeinflussen könnten. Hinzu kämen ein rauerer politischer Umgangston sowie persönliche Anfeindungen, Hass und Bedrohungen. All das bleibe bei der Entscheidung für oder gegen eine Kandidatur nicht ohne Wirkung.

Auch die Bezahlung bleibe angesichts der großen Verantwortung und der exponierten Stellung als Person des öffentlichen Lebens hinter vergleichbaren Führungsaufgaben in der Wirtschaft zurück. Mehr Geld allein werde das Problem allerdings nicht lösen. Entscheidend sei vielmehr die zunehmende Diskrepanz zwischen den Erwartungen an die Rathausspitze und ihren tatsächlichen Möglichkeiten.

„Das Gesamtpaket muss stimmen“

Wenn auch künftig qualifizierte Menschen für kommunale Führungsverantwortung gewonnen werden sollen, müsse deshalb das Gesamtpaket stimmen. Dazu zählt Jäger neben ausreichenden finanziellen und rechtlichen Gestaltungsspielräumen einen wirksamen Schutz vor Hass und Bedrohungen sowie familienfreundlichere Rahmenbedingungen.

Das Bürgermeisteramt müsse nicht nur verantwortungsvoll, sondern auch attraktiv, sicher und mit dem Familienleben vereinbar sein.