Würdevoller Alltag
„Wenn ich selbst einmal irgendwann in eine Einrichtung müsste, dann würde ich mir genau eine solche wünschen.“ Hier sind Bewohnerinnen und Bewohner begleitet von Menschen, die den ganzen Tag da sind. Sie reden mit ihnen, begleiten und hören zu. So beschreibt Helga Bär den Adlergarten in Eichstetten. Sie organisiert und koordiniert hier die Pflegewohngruppe. Die Kaiserstühler Einrichtung gilt als eine der ersten sogenannten Pflege-WGs im Land, also Wohngemeinschaften von Pflegebedürftigen.
Modell Pflege-WG: Pflegebedürftig aber mit Alltag
Bär erklärt, dass man sich dieses Modell durchaus so vorstellen könne wie eine Wohngemeinschaft von Studierenden. Im Adlergarten leben elf Menschen, die meisten von ihnen sind an Demenz erkrankt. Hier läuft vieles anders als in einer typischen stationären Pflegeeinrichtung: Morgens wird Brot gebacken, die Bewohner riechen den Duft aus dem Ofen. Mittags wird gemeinsam gekocht, nachmittags vielleicht Wäsche zusammengefaltet oder im Garten gearbeitet. Das klingt nach normalem Alltag – und genau das ist die Idee.
Die Pflegewohngruppe Adlergarten in Eichstetten am Kaiserstuhl entstand vor 18 Jahren aus dem Wunsch, Menschen auch im hohen Alter ein selbstbestimmtes Leben im Dorf zu ermöglichen.
Der Adlergarten blickt auf fast drei Jahrzehnte Geschichte zurück. Die Bürgergemeinschaft Eichstetten – der Initiator der Einrichtung – wurde 1997 gegründet. Die Initiative begann zunächst mit betreutem Wohnen und einem Bürgerbüro als einer zentralen Anlaufstelle für ältere Menschen mit Hilfebedarf und einer Nachbarschaftshilfe. „Wir begannen nicht nur mit Einkaufen und ein bisschen Betreuung, sondern auch gleich mit pflegerischen Tätigkeiten. Hilfe bei der Körperpflege, waschen, duschen, anziehen, Spaziergänge und Ähnliches“, erzählt Bär, die seit den ersten Tagen Teil der Bürgergemeinschaft ist.
Irgendwann aber stieß das an seine Grenzen. Die Einrichtung hatte den Anspruch, dass die Menschen im betreuten Wohnen bis zu ihrem Tod bleiben können sollten. Doch wer an Demenz erkrankte, wer nachts Versorgung brauchte, wessen Angehörige nicht mehr weiterkonnten, musste am Ende doch in ein Pflegeheim ziehen. „Und das wollten wir verhindern“, sagt Bär. So entstand vor 18 Jahren die Idee einer eigenen Pflegewohngruppe.
Heute hat die Bürgergemeinschaft für die Gruppe rund 8,5 Vollzeitstellen an sogenannten Alltagsbegleiterinnen und -begleitern. Sie stehen den Bewohnerinnen und Bewohnern rund um die Uhr zur Seite, in drei Schichten. Sie kochen, waschen, backen, putzen, begleiten auf Spaziergängen und führen den Haushalt. Die Alltagsbegleiterinnen hätten laut Bär alle eine pflegerische Grundbasis, viele hätten Fortbildungen im Bereich Demenz absolviert, manche einen umfangreichen Ausbildungskurs und einige seien sogar ausgebildete Altenpflegerinnen, arbeiteten hier aber bewusst in der Rolle der Alltagsbegleitung.
Die Fachpflege übernimmt ein externer Partner: die örtliche Sozialstation. Sie kommt morgens und abends, übernimmt Grundpflege und Behandlungspflege, wie sie medizinisch notwendig ist. Die Kombination, sagt Bär, sei das Entscheidende: professionelle Pflege, wo sie gebraucht wird, und menschliche Begleitung den Rest des Tages.
Getragen wird das Modell von einer engen Partnerschaft mit der Gemeinde Eichstetten. Die Kommune ist Generalmieter des Gebäudes. Die Bürgergemeinschaft wiederum mietet von der Gemeinde und organisiert von dort aus den Betrieb. „Ohne die Kommune würde das so nicht funktionieren“, betont Bär. Zudem: Waschmaschinen, Trockner, Spülmaschine, Backofen – all die Geräte, die im Alltag einer Wohngemeinschaft für elf Menschen täglich im Einsatz sind, werden von der Gemeinde mitgestellt. Wenn etwas kaputt geht oder ersetzt werden muss, kommt dafür die Kommune auf. „Sie können sich vorstellen, wenn täglich fünf bis sieben Maschinen laufen, dass da ein ordentlicher Verschleiß ist“, sagt Bär. Auch der Bauhof springt ein, wenn im Garten größere Arbeiten anstehen.
Was die Finanzierung des laufenden Betriebs betrifft, trägt sich der Adlergarten weitgehend selbst. Die Einnahmen kommen aus den Beiträgen der Bewohnerinnen und Bewohner, also aus dem, was Pflegeversicherung und Eigenanteile hergeben. Eine nennenswerte öffentliche Förderung gibt es für den laufenden Betrieb nicht. „Wir müssen schauen, dass wir wirtschaftlich sind“, sagt Bär. „Wir müssen einfach gucken, dass wir mit den Geldern, die reinkommen, auch auskommen.“
Land fördert Aufbau von Pflege-WGs
Politisch hat Baden-Württemberg bereits seit einiger Zeit entschieden, das Modell der Pflege-WG im Land zu fördern. Damit nahm es bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Grundlage dafür ist das Wohn-, Teilhabe- und Pflegegesetz (WTPG), das am 1. Juni 2014 das alte Landesheimgesetz ablöste und erstmals eine dritte Wohnform zwischen Pflegeheim und reiner „Häuslichkeit“ rechtlich verankerte: die ambulant betreute Wohngemeinschaft. Das geschah vor allem mit dem Ziel, pflegebedürftigen Menschen ein selbstbestimmtes Leben so lange wie möglich zu ermöglichen.
Um den Auf- und Ausbau solcher Wohnformen zu begleiten, hat das Sozialministerium beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) die Fachstelle ambulant unterstützte Wohnformen (FaWo) eingerichtet. Sie berät Interessierte, Träger und Kommunen, bietet Schulungen an und vernetzt die relevanten Akteure im Land. Dieses Unterstützungsangebot soll den Einstieg in das Modell erleichtern.
Finanziell fördert das Land neue Pflege- und Versorgungsmodelle über das jährliche Innovationsprogramm Pflege. Für 2026 sind hier rund drei Millionen Euro vorgesehen, mit Schwerpunkt auf dem Ausbau wohnortnaher Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflegeangebote sowie der Entlastung pflegender Angehöriger. Ergänzend dazu fließen jährlich rund 4,2 Millionen Euro in ehrenamtliche und niedrigschwellige Unterstützungsangebote im Vorfeld der Pflege – darunter über 900 Initiativen landesweit. Ein weiterer Baustein ist das Förderprogramm „Quartiersimpulse“, das Kommunen und zivilgesellschaftliche Projekte dabei unterstützt, nachbarschaftliche Strukturen zu stärken und neue Formen gegenseitiger Unterstützung zu entwickeln. Dieses Programm schafft gewissermaßen das soziale Fundament, auf dem Pflege-WGs dauerhaft funktionieren können.
Von der Pflegekasse nicht gleichgestellt
Bär benennt aber auch klar die Probleme der Finanzierung des Adlergartens. „Wer in einer stationären Pflegeeinrichtung lebt, bekommt einen Investitionskostenzuschuss, wer in einer Wohngruppe lebt, nicht“, erklärt sie. „Das finden wir natürlich nicht gut und traurig.“ Denn dieser strukturelle Nachteil treffe am Ende die Bewohnerinnen und Bewohner direkt über höhere Eigenanteile.
Hinzu kamen in den vergangenen Jahren wie überall im Pflegebereich steigende Personalkosten durch die Tariftreuepflicht, die in den letzten Jahren zu deutlichen Lohnerhöhungen geführt hat. Auch das müsse laut Bär weitergegeben werden. Ihre politische Forderung ist klar: eine Gleichstellung der Pflege-WGs mit stationären Einrichtungen, zumindest was die Förderung der Krankenkassen betrifft.
Im Adlergarten gehört die Gemeinschaft zum Konzept. Wer hier lebt, sitzt nicht allein in seinem Zimmer, sondern mittendrin im Leben der Gruppe.
Daneben treibt sie die Sorge um das Image des Modells um. Mit dem WTPG von 2014 wurde das Schutzniveau für Pflege-WGs gegenüber stationären Einrichtungen bewusst abgesenkt mit der Begründung, dass WGs eher der eigenen Häuslichkeit ähneln. Der MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) prüft Pflege-WGs grundsätzlich nicht. Die Heimaufsicht schaut in den ersten drei Jahren jährlich vorbei – danach nur noch, wenn konkrete Mängel bekannt werden. Stationäre Einrichtungen hingegen werden jährlich geprüft, ohne Ausnahme. Was gut gemeint war, birgt für Bär Risiken. „Wenn jemand einen großen Keller hat, kann er sagen, er nimmt sieben Leute auf und steckt das Pflegegeld ein“, benennt Bär die Gefahr eines Wildwuchses.
Der Adlergarten sei Teil des Freiburger Modells, eines regionalen Zusammenschlusses von Wohngruppen, der sich vor Jahren eigene Qualitätsbausteine erarbeitet hat. Verbindliche Standards, freiwillig umgesetzt. Bär würde sich wünschen, dass solche Qualitätsmerkmale auch gesetzlich verankert werden. Damit das Modell, das sie selbst für ihr Alter wählen würde, nicht durch schlechte Beispiele diskreditiert wird.
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Weitere Informationen zur Fachstelle ambulant unterstützte Wohnformen (FaWo) unter www.fawo-bw.de
Weitere Informationen zu Eichstetten unter buergergemeinschaft-eichstetten.de