Wenn Kommunen bei der Hitzevorsorge warten, steigen die Kosten
Die sommerlichen Temperaturen in Deutschland sind seit Anfang der 1980er-Jahre deutlich gestiegen. Besonders belastet sind der Oberrheingraben und damit weite Teile Baden-Württembergs. In Städten kommt der Wärmeinseleffekt hinzu: Dichte Bebauung, versiegelte Flächen und fehlendes Grün können dazu führen, dass es dort bis zu zehn Grad wärmer ist als im Umland.
Was bedeutet diese Entwicklung für Städte und Gemeinden, wenn eine ausreichende Hitzevorsorge ausbleibt? Dieser Frage geht die neue BBSR-Expertise „Hitzestress in Städten: Konsequenzen des Nichthandelns“ nach. Sie entstand im Forschungsfeld „Urban Heat Labs – Hitzevorsorge in Stadtquartieren und Gebäuden“.
Die Untersuchung betrachtet drei Bereiche, die einen großen Teil des städtischen Alltags abdecken: Straßenräume, Wohngebäude und Wohnquartiere sowie Gewerbegebäude und Gewerbegebiete. Auf Grundlage von 152 wissenschaftlichen Schlüsseldokumenten zeichnen die Autoren Wirkungsketten nach. Diese reichen von den unmittelbaren gesundheitlichen Belastungen bis zu langfristigen Folgen für kommunale Haushalte, Immobilienwerte und den sozialen Zusammenhalt.
Straßenräume verlieren ihre Funktion
Straßen sind Verkehrswege, Aufenthaltsräume, Begegnungsorte und Standorte wichtiger technischer Infrastruktur. Zugleich zählen sie zu den am stärksten hitzebelasteten Bereichen einer Stadt. Dunkler Asphalt und andere versiegelte Oberflächen heizen sich tagsüber stark auf und geben die gespeicherte Wärme nachts nur langsam wieder ab.
Besonders betroffen sind Menschen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind oder an einer Haltestelle warten. Sie sind nicht nur hohen Temperaturen, sondern häufig auch direkter Sonneneinstrahlung und Luftschadstoffen ausgesetzt. Einkommensschwächere Menschen können der Belastung oft schlechter ausweichen, weil sie stärker auf Fußwege, das Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind.
Die Expertise warnt vor einer Kettenreaktion: Menschen meiden unbeschattete Wege und Plätze, verzichten auf Fahrten oder steigen häufiger auf klimatisierte Autos um. Dadurch können Verkehr, Emissionen und Abwärme zunehmen – und damit wiederum die Hitzebelastung. Zugleich sinken die Passantenfrequenzen. Das kann Einzelhandel und Gastronomie treffen und die soziale Funktion des öffentlichen Raums schwächen.
Besonders für kleinere und mittlere Kommunen kann dies schwer wiegen. Wenn ein zentraler Platz, eine Einkaufsstraße oder der Bereich rund um das Rathaus während längerer Hitzeperioden kaum noch genutzt wird, verliert ein wichtiger Teil des örtlichen Lebens an Attraktivität.
Hitze greift Straßen, Leitungen und Stadtbäume an
Auch die kommunale Infrastruktur bleibt von hohen Temperaturen nicht verschont. Asphalt kann sich verformen, Gleise können sich verwerfen und Ampeln oder Oberleitungen können ausfallen. Bei Wasser-, Abwasser- und Fernwärmeleitungen drohen Schäden durch ausgetrocknete Böden und Bodensetzungen.
Die Folgen sind ein höherer Wartungs- und Reparaturbedarf, kürzere Lebensdauern und steigende Betriebskosten. Bei extremen Hitzeereignissen können zudem Verkehrsbehinderungen, Stromausfälle und Versorgungsprobleme auftreten. Die Belastung trifft damit ausgerechnet jene Haushalte, die gleichzeitig mehr Geld für die Kühlung ihrer Gebäude aufbringen müssen.
Auch Stadtbäume und anderes Straßenbegleitgrün leiden unter Hitze, Trockenheit und geringer Wasserverfügbarkeit. Geschwächte Bäume wachsen schlechter, verlieren vorzeitig ihre Blätter und werden anfälliger für Krankheiten und Schädlinge. Kommunen müssen mehr Geld und Personal für Bewässerung, Pflege und Ersatzpflanzungen einsetzen.
Dabei droht eine weitere Rückkopplung: Verlieren Bäume Blattmasse oder sterben sie ab, nehmen Verschattung und Verdunstung ab. Der Straßenraum heizt sich noch stärker auf. Gerade ältere Bäume, deren kühlende Wirkung sich nicht kurzfristig ersetzen lässt, werden damit zu einer besonders wertvollen kommunalen Infrastruktur.
Wohnungen werden zum Gesundheitsrisiko
Besonders deutlich werden die Folgen des Nichthandelns in Wohngebäuden. Menschen verbringen rund 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen, davon etwa zwei Drittel im eigenen Zuhause. Die Temperatur in der Wohnung wird deshalb zu einem entscheidenden Gesundheitsfaktor.
Nach den ausgewerteten Untersuchungen können bereits Innenraumtemperaturen ab etwa 24 Grad die Schlafqualität beeinträchtigen. Ab rund 26 Grad ist der thermische Komfort häufig nicht mehr gewährleistet. Messungen in deutschen Haushalten ergaben im Sommer durchschnittliche Werte von mehr als 24 Grad, Spitzenwerte von bis zu 35,8 Grad und längere Phasen mit Temperaturen oberhalb von 27 Grad.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kinder, Schwangere, chronisch Kranke und Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Hohe Temperaturen können Kreislaufprobleme, Dehydrierung und Schlafstörungen verursachen, chronische Erkrankungen verschärfen und die körperliche sowie geistige Leistungsfähigkeit vermindern. Während langer Hitzeperioden steigt zudem die Sterblichkeit.
Fehlende nächtliche Abkühlung verschärft die Belastung. Wer schlecht schläft, ist am nächsten Tag weniger leistungsfähig und psychisch stärker beansprucht. Damit reicht die Wirkung weit über die Wohnung hinaus: Arbeitsfähigkeit und Produktivität sinken, Krankheitsausfälle nehmen zu und das Gesundheitssystem wird stärker belastet.
Hitzeschutz wird zur sozialen Frage
Wie gut sich Menschen vor Hitze schützen können, hängt stark von ihren finanziellen Möglichkeiten und ihrer Wohnsituation ab. Gut gedämmte Gebäude, außenliegender Sonnenschutz, wirksame Nachtlüftung und ein grünes Wohnumfeld verringern die Belastung. In unsanierten Dachgeschosswohnungen, dicht bebauten Quartieren und Wohnungen ohne Verschattung ist sie dagegen besonders hoch.
Klimaanlagen und Ventilatoren können kurzfristig helfen, erhöhen aber den Stromverbrauch und die Kosten. Für einkommensschwache Haushalte kann eine ausreichende Kühlung finanziell kaum möglich sein. Gleichzeitig geben Klimaanlagen Wärme an den Außenraum ab und können die Umgebung zusätzlich aufheizen.
Die Expertise beschreibt deshalb auch das mögliche Szenario einer „klimabezogenen Gentrifizierung“. Gut angepasste und kühlere Wohnlagen könnten stärker nachgefragt und teurer werden. Haushalte mit geringem Einkommen müssten dagegen häufiger in überhitzten, schlecht sanierten Gebäuden und benachteiligten Quartieren verbleiben.
Auch öffentliche Freiflächen können ihre Ausgleichsfunktion verlieren. Werden Spielplätze, Grünanlagen und Nachbarschaftstreffpunkte während Hitzeperioden kaum noch nutzbar, gehen Möglichkeiten zur Erholung und Begegnung verloren. Besonders ältere Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität ziehen sich dann stärker zurück. Soziale Isolation und gesundheitliche Risiken können sich gegenseitig verstärken.
Gebäudeschäden erhöhen den Sanierungsbedarf
Hitze betrifft nicht nur die Menschen im Gebäude, sondern auch dessen Substanz. Hohe Temperaturen und starke Schwankungen zwischen Tag und Nacht können thermische Spannungen, Risse, Verformungen und Materialermüdung verursachen. Gefährdet sind unter anderem Fassaden, Dächer, Fenster, Türen und Anschlüsse.
Ungedämmte Dächer reagieren besonders empfindlich auf extreme Sonneneinstrahlung. Dachbahnen können schneller altern oder Risse bilden. Bei großen Glasflächen drohen im Extremfall Glasbruch und Funktionsstörungen. Dadurch nehmen Reparatur-, Wartungs- und Sanierungsbedarf zu.
Langfristig können schlecht angepasste Gebäude und Quartiere an Wert verlieren. Die Expertise hält Nachfrageverschiebungen, sinkende Mieten und Leerstände in besonders belasteten Beständen für möglich. Für kommunale und private Wohnungsunternehmen entsteht damit ein doppeltes Risiko: Die Kosten für Betrieb und Instandhaltung steigen, während die Attraktivität der Immobilien sinkt.
Hitze wird zum Standortfaktor
Auch für Gewerbegebiete hat mangelnde Anpassung weitreichende Folgen. Große Dach- und Parkplatzflächen, ein hoher Versiegelungsgrad und wenig Grün begünstigen die Aufheizung. Hinzu kommt die Abwärme von Maschinen, Produktionsanlagen und Kühltechnik.
In Arbeits- und Lagerräumen steigen die Temperaturen häufig auf mehr als 26 Grad, teilweise auf über 30 Grad. Die Folgen reichen von Kreislaufproblemen und schnellerer Erschöpfung bis zu einer höheren Zahl von Arbeitsunfällen. Betroffen sind nicht nur Beschäftigte im Freien oder in Produktionshallen. Auch in Büros nehmen Konzentration und Leistungsfähigkeit ab.
Nach den von der Expertise ausgewerteten Untersuchungen zeigen sich bereits bei Temperaturen über 25 Grad messbare Leistungseinbußen und mehr Fehler. Bei Raumtemperaturen von 33 bis 34 Grad kann die Arbeitsleistung um bis zu 50 Prozent zurückgehen. Andere Studien beziffern Produktivitätsverluste auf drei bis zwölf Prozent.
Gleichzeitig steigen Kühlbedarf, Energieverbrauch und Betriebskosten. Temperaturempfindliche Waren können Schaden nehmen, Maschinen häufiger ausfallen und Produktionsabläufe unterbrochen werden. Unternehmen müssen Arbeitszeiten verlagern, zusätzliche Pausen ermöglichen oder einzelne Räume zeitweise sperren. Hitzebelastete Gewerbestandorte können damit sowohl für Betriebe als auch für Beschäftigte an Attraktivität verlieren.
Die Kosten fallen trotzdem an
Die Expertise nennt keine Gesamtsumme für die „Kosten des Nichthandelns“. Sie zeigt jedoch, an wie vielen Stellen diese entstehen: Kommunen müssen mehr Geld für Straßenreparaturen, Leitungsnetze, Baumpflege und Ersatzpflanzungen aufbringen. Gesundheitssystem und Rettungsdienste werden stärker beansprucht. Haushalte zahlen höhere Stromkosten. Eigentümer müssen zusätzliche Sanierungen finanzieren. Unternehmen tragen Produktionsausfälle und steigende Betriebskosten.
Nicht zu handeln bedeutet daher nicht, Kosten zu vermeiden. Es bedeutet vielmehr, sie in die Zukunft zu verschieben – häufig in Bereiche, in denen Schäden nur noch mit deutlich größerem Aufwand behoben werden können.
Zugleich warnt das BBSR davor, Hitzerisiken isoliert zu betrachten. Gesundheit, soziale Lage, Gebäudebestand, Mobilität, Stadtgrün und Infrastruktur hängen eng zusammen. Fällt an einer Stelle eine Schutzfunktion weg, kann dies Belastungen in anderen Bereichen verstärken.
Für Kommunen folgt daraus, dass Hitzevorsorge frühzeitig und über Fachgrenzen hinweg geplant werden muss. Stadtplanung, Hoch- und Tiefbau, Grünflächenpflege, Gesundheitswesen, soziale Dienste, Wirtschaftsförderung und Bevölkerungsschutz sind gleichermaßen betroffen. Verschattung, Entsiegelung, klimaangepasste Bäume, widerstandsfähige Infrastrukturen und ein wirksamer sommerlicher Wärmeschutz sind damit keine Einzelmaßnahmen. Sie sind Bestandteile kommunaler Daseinsvorsorge.
Die zentrale Botschaft der Expertise ist eindeutig: Je länger Städte mit der Anpassung warten, desto größer werden gesundheitliche Risiken, soziale Ungleichheiten und wirtschaftliche Belastungen. Hitzevorsorge kostet Geld. Das Nichthandeln dürfte auf Dauer jedoch erheblich teurer werden.