Städtepartnerschaften werden zu kommunalen Innovationsnetzwerken
Rund 190 Vertreterinnen und Vertreter aus Baden-Württemberg und Frankreich sind am 24. September zum fünften Städtepartnerschaftskongress in Böblingen zusammengekommen. Unter dem Motto „Voneinander lernen, miteinander wachsen“ beschäftigten sie sich mit der Frage, wie Städte und Gemeinden ihre internationale Zusammenarbeit weiterentwickeln können.
Im Mittelpunkt stand das Konzept der „Urban Diplomacy“. Gemeint ist die Zusammenarbeit von Kommunen über Staatsgrenzen hinweg – ergänzend zur klassischen Diplomatie der Nationalstaaten. Städte und Gemeinden können dabei Erfahrungen austauschen und gemeinsam Lösungen etwa für Umweltschutz, Mobilität oder Stadtplanung entwickeln.
Mehr als 500 Partnerschaften mit Frankreich
„Städtepartnerschaften können weit mehr sein als ein Symbol der Freundschaft. Sie können zu einem echten europäischen Innovationsnetzwerk werden“, sagte Staatssekretär Florian Haßler. Europa entstehe nicht allein in Brüssel, Paris oder Berlin, sondern vor Ort. Zwischen Baden-Württemberg und Frankreich bestehen inzwischen mehr als 500 kommunale Partnerschaften.
Ein frühes Beispiel ist Böblingen. Die Stadt ist seit 1956 mit Pontoise bei Paris verbunden und unterhält damit eine der ältesten deutsch-französischen Städtepartnerschaften. Beim Kongress ging es jedoch nicht nur um bestehende Verbindungen. In Workshops beschäftigten sich die Teilnehmenden auch mit der Rolle von Städtepartnerschaften für die Demokratie und mit der Organisation von Jugendbegegnungen.
Dass die kommunale Europaarbeit im Land an vielen Stellen vorangetrieben wird, zeigte bereits im Juni die Veranstaltung „Kommunen sagen Ja zu Europa“ in Ellwangen. Sie richtete sich besonders an kleine und mittlere Kommunen im ländlichen Raum. Diese verfügen häufig über großes Potenzial für europäische Projekte, zugleich fehlen in Verwaltung und Ehrenamt aber oft die personellen Kapazitäten für Förderanträge und zusätzliche Aufgaben.
Förderprogramme verständlich machen
Die Veranstaltung brachte Praxisbeispiele, Beratungsangebote und Informationen zu europäischen Förderprogrammen zusammen. Vorgestellt wurden unter anderem das EU-Programm „Citizens, Equality, Rights and Values“, Erasmus+ im Jugendbereich, der Europäische Solidaritätskorps und LEADER. Hinzu kamen Fördermöglichkeiten für kommunale Partnerschaften mit der Ukraine sowie mit Ländern in Ost- und Südosteuropa.
Mitveranstalter war das Europe-Direct-Informationszentrum EUROPoint Ostalb beim Landratsamt Ostalbkreis. Es informiert und berät Kommunen zu europäischen Themen und bringt regionale Akteure mit überregionalen Netzwerken zusammen. Gerade für kleinere Gemeinden können solche Anlaufstellen den Weg zu Fördermitteln und geeigneten Projektpartnern verkürzen.
Zugleich bieten Veranstaltungen wie jene in Ellwangen Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch: Kommunen können voneinander lernen, wie Förderanträge gelingen, wie sich politische Gremien für europäische Projekte gewinnen lassen und wie Partnerschaften dauerhaft mit Leben gefüllt werden können.
Pfinztal findet neue Partnergemeinde
Wie eine neue Partnerschaft entstehen kann, zeigt Pfinztal. Mit Unterstützung des Staatsministeriums fand die Gemeinde im Landkreis Karlsruhe mit Roquebrune-sur-Argens an der französischen Mittelmeerküste eine neue Partnerkommune. Aus zunächst informellen Begegnungen entwickelte sich auf beiden Seiten der Wunsch nach einer dauerhaften Verbindung.
Im November 2024 beauftragte der Pfinztaler Gemeinderat die Verwaltung einstimmig mit der Ausarbeitung einer Partnerschaftsvereinbarung. Im Mai 2025 reiste Bürgermeisterin Nicola Bodner mit einer Delegation nach Südfrankreich. Dort wurde die Partnerschaft im Umfeld der Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs besiegelt. Erstmals seit Kriegsende nahmen deutsche Gäste an den offiziellen Gedenkveranstaltungen in Roquebrune-sur-Argens teil. Die Unterzeichnung in Pfinztal folgte im Juli 2025.
„Es ist wichtig, über nationale Grenzen hinweg Freundschaften zwischen Menschen aufzubauen und zu pflegen. Kommunen können dafür den Rahmen schaffen – doch getragen werden Partnerschaften von den Bürgerinnen und Bürgern. Wenn die inhaltliche Verbindung stimmt, eröffnet Distanz neue Perspektiven, bringt frische Ideen und begründet echte Freundschaften“, erklärten die beiden Bürgermeister.
Inzwischen wird die Partnerschaft durch Kunstprojekte, Veranstaltungen und persönliche Begegnungen mit Leben gefüllt. Weitere Besuche von Vereinen, gemeinsame Reisen und Projekte zur nachhaltigen Mobilität sind geplant. Das Beispiel zeigt, dass kommunale Europaarbeit in Baden-Württemberg nicht nur auf langjährigen Traditionen beruht: Es entstehen auch heute neue Verbindungen, die den europäischen Gedanken vor Ort sichtbar und erfahrbar machen.
Der Städtepartnerschaftskongress ist Teil der Frankreich-Strategie Baden-Württembergs. Zu ihr gehört auch ein Mikroprojektefonds. Seit 2020 wurden daraus knapp 180 deutsch-französische Begegnungsprojekte unterstützt – von Chorprojekten und Tanzworkshops bis zu gemeinsamen Radtouren.