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Stresstest für die Kommunen

Nach dem Stromausfall in Reutlingen wird erneut über den Schutz kritischer Infrastruktur diskutiert. Städte und Gemeinden bereiten sich seit Jahren auf Krisenlagen wie Stromausfälle, Cyberangriffe oder Extremwetter vor. Der Vorfall zeigt zugleich, dass es einen vollständigen Schutz vor Ausfällen nie geben wird.

Nach dem Brand in einem Reutlinger Umspannwerk waren Anfang Juni rund 40.000 Haushalte zeitweise ohne Strom. Die Ursache ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Der Vorfall hat jedoch erneut die Frage aufgeworfen, wie gut kritische Infrastruktur geschützt ist – und wie Kommunen auf Krisenlagen vorbereitet sind. Städte und Gemeinden im Land arbeiten seit Jahren daran, ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken. Einen vollständigen Schutz vor Ausfällen wird es allerdings nie geben.

Für den Gemeindetag Baden-Württemberg steht fest, dass Fragen des Bevölkerungsschutzes in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen haben. Nicht zuletzt die geopolitischen Entwicklungen hätten dazu geführt, dass sich Kommunen intensiver mit Krisen- und Notfalllagen befassen.

Dabei gehe es nicht nur um Stromausfälle. Auch Cyberangriffe, Extremwetterereignisse, Ausfälle von Kommunikationssystemen oder Störungen der Wasserversorgung zählen zu den Szenarien, auf die sich Verwaltungen vorbereiten müssen.

Sabotage rückt stärker in den Fokus

Der Fall Reutlingen steht zudem nicht isoliert. Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden im vergangenen Jahr bundesweit 321 Sabotage-Verdachtsfälle registriert. Betroffen waren unterschiedliche Bereiche der kritischen Infrastruktur, darunter Energieversorgung, Telekommunikation und Verkehr. Sicherheitsbehörden beobachten seit Längerem eine steigende Zahl entsprechender Vorfälle und warnen davor, die Gefahr als rein theoretisches Risiko zu betrachten.

Auch die Energieversorgung geriet zuletzt mehrfach ins Visier von Tätern. In Berlin kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Anschlägen auf Stromleitungen und andere Versorgungseinrichtungen. Teilweise waren Zehntausende Haushalte betroffen, in einzelnen Fällen kam es zusätzlich zu Einschränkungen im Mobilfunk- und Bahnverkehr.

Bund und Länder haben den Schutz kritischer Infrastruktur deshalb deutlich höher priorisiert. Gleichzeitig weisen Experten darauf hin, dass sich weit verzweigte Netze mit tausenden Anlagen und Leitungen niemals vollständig absichern lassen. Umso wichtiger werden Vorsorge, Redundanzen und eine schnelle Wiederherstellung der Versorgung im Krisenfall.

Handlungsfähigkeit sichern

Im Mittelpunkt vieler kommunaler Anstrengungen steht die Frage, wie die eigene Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit auch in außergewöhnlichen Lagen aufrechterhalten werden kann. Dazu gehören beispielsweise Notfallpläne für Verwaltungen, Feuerwehr und Bauhof ebenso wie die Weiterentwicklung von Krisenstäben und Lagezentren.

Nach Angaben des Gemeindetags arbeiten Städte und Gemeinden dabei eng mit Landratsämtern, Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk, dem Deutschen Roten Kreuz und weiteren Hilfsorganisationen zusammen. Regelmäßige Übungen sollen helfen, Abläufe einzuüben und Schwachstellen frühzeitig zu erkennen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Schutz kritischer Infrastruktur vor Ort. Dazu zählen beispielsweise Energieversorgung, Wasserversorgung, Kommunikationsnetze oder wichtige öffentliche Einrichtungen. Gleichzeitig gewinnt auch der Schutz digitaler Systeme zunehmend an Bedeutung.

Keine hundertprozentige Sicherheit

Der Fall Reutlingen zeigt jedoch auch die Grenzen solcher Vorsorgemaßnahmen. Sowohl die Landesregierung als auch die Betreiber von Energieanlagen betonen, dass sich ein vollständiger Schutz vor Sabotage oder technischen Ausfällen nicht gewährleisten lässt.

Aus Sicht des Gemeindetags hängt das erreichbare Schutzniveau immer auch von den örtlichen Gegebenheiten ab. Insbesondere kleinere und ländliche Kommunen stehen vor besonderen Herausforderungen. Weit verzweigte Versorgungsnetze, lange Leitungsstrecken und begrenzte personelle Ressourcen erschweren dort den Schutz kritischer Infrastruktur.

Entscheidend sei deshalb nicht nur die Frage, wie sich Risiken minimieren lassen, sondern auch, wie schnell und wirksam auf Störungen reagiert werden kann.

Resilienz wird zum Standortfaktor

Gerade hier sehen viele Beobachter eine wichtige Lehre aus dem Reutlinger Stromausfall. Innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit konnte die Versorgung für die meisten Betroffenen wiederhergestellt werden. Das Ereignis machte deutlich, dass Krisenvorsorge weit mehr umfasst als technische Schutzmaßnahmen.

Für Städte und Gemeinden wird Resilienz zunehmend zu einer Daueraufgabe. Ziel ist es, auch unter außergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben und die Bevölkerung zuverlässig zu unterstützen. Der Vorfall in Reutlingen dürfte die Diskussion darüber weiter befeuern – nicht nur bei Betreibern kritischer Infrastruktur, sondern auch in Rathäusern und Landratsämtern im ganzen Land.

Mehr zum Thema hören Sie im KOMMUNAL-Podcast: In drei Folgen geht es um den kommunalen Katastrophenschutz – praxisnah und mit Blick auf konkrete Handlungsmöglichkeiten.