Schlecht beleuchteter öffentlicher Raum bei Nacht
Schlechte Beleuchtung und ungepflegte öffentliche Räume begünstigen nicht nur Kriminalität, sondern beeinflussen auch das Sicherheitsempfinden der Menschen.
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„Sicherheit ist eine Gemeinschaftsaufgabe“

Wie können Kommunen strukturiert und wirksam zur Sicherheit vor Ort beitragen? Achim Hummel, Leiter der Gemeinsamen Zentralstelle Kommunale Kriminalprävention im Innenministerium, erklärt im Interview mit die:gemeinde, welche Ansätze, Maßnahmen und Werkzeuge Städte und Gemeinden nutzen können.

die:gemeinde: Die Gemeinsame Zentralstelle Kommunale Kriminalprävention, kurz GeZ KKP, unterstützt kommunale Vertreterinnen und Vertreter dabei, Kriminalität präventiv zu begegnen. Wie helfen Sie Städten und Gemeinden konkret?

Achim Hummel: Die GeZ KKP ist beim Innenministerium angesiedelt. Wir haben eine Geschäftsstelle, die ich leite, und ein Lenkungsgremium unter Staatssekretär Thomas Blenke als Entscheidungsorgan, dem die Amtschefs der beteiligten Ressorts (Staatsministerium, Kultusministerium, Sozialministerium, Justizministerium, Verkehrsministerium, Wirtschaftsministerium, Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen), die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, die Regierungspräsidentinnen und -präsidenten, der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Vertreter der Zivilgesellschaft und das Landespolizeipräsidium angehören. Unsere zentrale Aufgabe ist es, die Präventionsaktivitäten von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen im Land zu koordinieren und zu bündeln – und vor allem die Vernetzung der relevanten Akteure zu stärken. Netzwerk, Austausch und Informationsfluss: Das sind die Kernbausteine unserer Arbeit. Für Kommunen stehen wir als Ansprechpersonen zur Verfügung. Darüber hinaus bieten wir eine Webseite mit aufbereiteten Materialien zu kommunaler Kriminalprävention, machen einen Jahresbericht und organisieren eine jährliche Arbeitstagung, bei der wir hauptamtliche Präventionsakteure und kommunale Präventionsvereine aus dem ganzen Land zusammenbringen.

Achim Hummel

Achim Hummel ist Kriminaldirektor und leitet die GeZ KKP im Innenministerium. Er plädiert für einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz bei der Kriminalprävention. Foto: Privat

die:gemeinde: Wo setzt kommunale Kriminalprävention genau an?

Achim Hummel: Der Kerngedanke ist, Kriminalität dort zu verhindern, wo sie entstehen kann. Das örtliche Umfeld spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ein weiterer wichtiger Baustein ist, dass Kriminalität als gesamtgesellschaftliches Phänomen angegangen werden muss – also nicht von einer einzigen Institution allein. Deshalb versuchen wir, für jedes Thema ein gemeinsames Vorgehen zu entwickeln, das alle relevanten Akteure einbindet. Kommunale Kriminalprävention darf nicht mit Polizeiarbeit gleichgesetzt werden – die Polizei ist ein wichtiger Akteur, aber eben nur einer von vielen. Ein Ansatz, der sich unserer Meinung nach als tragfähig und wirksam erweist, ist CTC.

die:gemeinde: Communities That Care – ein Programm, das für den kommunalen Bereich entwickelt wurde.

Achim Hummel: Genau, Communities That Care ist eine Präventionsplanungsmethode, die ursprünglich aus den USA stammt und vom Landespräventionsrat Niedersachsen für Deutschland adaptiert wurde. Sie setzt insbesondere bei Kindern und Jugendlichen an. Ihnen soll ein gesundes und sicheres Aufwachsen in ihrer Kommune ermöglicht werden. Der Prozess läuft in fünf Phasen ab. In der ersten Phase geht es darum, das Commitment aller Akteure vor Ort herzustellen. In der zweiten Phase werden die nötigen Organisationsstrukturen aufgebaut, also eine Arbeitsebene und ein begleitendes Lenkungsgremium. Dazu wird als zentrales Element von CTC eine Befragung der Schülerinnen und Schüler durchgeführt – man geht also direkt an die Zielgruppe, fragt nach ihrem Lebensumfeld, ihrer Situation in der Schule und ihrer Wahrnehmung des öffentlichen Raums. In der dritten Phase entsteht dann ein Kommunalprofil: Stärken und Schwächen werden analysiert. Aus diesen Daten wird in der vierten Phase ein konkreter Aktionsplan entwickelt, der in der fünften Phase umgesetzt und ausgewertet wird. Danach kann der Prozess von vorne beginnen – es ist ein kontinuierlicher Kreislauf.

die:gemeinde: Wird dieses Prinzip in Baden-Württemberg schon angewendet?

Achim Hummel: Ja, im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald wird CTC schon seit einigen Jahren angewandt. Im Jahr 2023 konnte die GeZ KKP zusätzlich den Landkreis Lörrach als Modellkommune für ein CTC-Pilotprojekt gewinnen. Der Landkreis ist inzwischen bereits in der vierten Phase angekommen. Unser Ziel ist es, dieses Modellprojekt zu begleiten und die Erfahrungen anschließend anderen Kommunen im Land zugänglich zu machen.

die:gemeinde: Hier geht es also darum, Strukturen auf kommunaler Ebene zu schaffen, die Kriminalität verhindern können. Dieses Prinzip kann auch bei anderen Sicherheitsthemen hilfreich sein, oder?

Achim Hummel: Absolut. Der Ansatz – alle relevanten Akteure zusammenbringen, die Situation vor Ort genau analysieren und dann passgenaue Maßnahmen entwickeln – lässt sich auf viele Sicherheitsthemen übertragen. Nehmen wir das Thema häusliche Gewalt oder die Sicherheit von Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Zu letzterem haben wir eine ressortübergreifende Landeskonzeption erarbeitet.

Auch dort braucht es niedrigschwellige Beratungsangebote, geschulte Mitarbeitende – auch in den Kommunen – und eine enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen, Opferhilfeorganisationen und Polizei. Eine wichtige Rolle spielen auch die kommunalen Präventionsvereine, die es im Land gibt – wie beispielsweise die Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr oder der Verein Sicheres Freiburg. Sie sind eng an die jeweilige Kommune angebunden und helfen dabei, Maßnahmen zu koordinieren und teilweise auch zu finanzieren.

die:gemeinde: Als relevant gelten auch kommunale stadtplanerische Maßnahmen, um kriminalitätsbegünstigende Zonen, oft auch Angsträume genannt, zu vermeiden. Welche Rolle spielt die Stadtplanung bei der Kriminalprävention?

Achim Hummel: Dabei muss man zunächst zwischen zwei Aspekten unterscheiden: dem Sicherheitsempfinden der Menschen und der tatsächlichen Kriminalitätslage. Beides kann die Lebensqualität vor Ort erheblich beeinflussen – aber beides deckt sich nicht immer. Ein schlecht beleuchteter Straßenzug kann sich bedrohlich anfühlen, ohne dass dort statistisch viel passiert. Trotzdem ist das Sicherheitsempfinden ernst zu nehmen – denn es prägt, wie Menschen ihren Alltag gestalten und ob sie sich in ihrer Kommune wohlfühlen.

Bauliche und städteplanerische Maßnahmen können sich dabei sehr positiv auswirken – aber natürlich auch negativ, wenn man es falsch macht. Mittlerweile gibt es genug wissenschaftliches Know-how, um das bereits in der Planungsphase zu berücksichtigen. Das war auch unser Schwerpunktthema im Jahr 2023: bauliche Kriminalprävention und integrierte Stadtentwicklung. Im Zuge dessen haben wir Polizeikräfte entsprechend fortgebildet, damit sie den Kommunen als kompetente Ansprechpersonen bei Planungsprozessen zur Verfügung stehen und bereits in frühen Planungsphasen entsprechende Hinweise einbringen können. Materialien dazu sind auch auf unserer Webseite zu finden.

die:gemeinde: Kommunen befinden sich derzeit in einer schwierigen finanziellen Lage. Welche Maßnahmen würden Sie empfehlen, die nicht zwangsläufig Geld kosten und dennoch wirksam sind?

Achim Hummel: Ganz ohne Geld wird es immer schwierig – das will ich nicht beschönigen. Und ich würde ausdrücklich davor warnen, bei der Kriminalprävention zu sparen. Was ich aber sagen kann: Es gibt Ansätze, die auch mit begrenzten Mitteln wirksam sind. Auch das CTC-Programm gehört dazu. Viele Kommunen scheuen den Aufwand – aber was oft nicht bekannt ist: Große Teile des Prozesses können über die Krankenkassen abgerechnet werden. Die FINDER-Akademie begleitet bundesweit Kommunen bei der Umsetzung des CTC-Programms und unterstützt dabei, Wege zur Kostenübernahme zu finden.

Und es steckt noch ein weiterer wirtschaftlicher Vorteil dahinter: Wer durch das Kommunalprofil erst einmal weiß, wo die echten Probleme liegen, kann Maßnahmen, die bislang am falschen Ort angesetzt haben, gezielt streichen und die Mittel dorthin umlenken, wo sie wirklich wirken. CTC hilft also nicht nur, Probleme zu lösen – sondern auch, vorhandene Ressourcen effizienter einzusetzen.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch kostengünstige Maßnahmen, die viel bewirken können. Das Vereinsleben zu stärken ist eine davon – denn eine lebendige Gemeinschaft, in der Menschen füreinander eintreten und aufeinander achten, ist eine der wirksamsten Formen der Prävention überhaupt. Und manchmal reichen auch schon kleine bauliche Aufwertungen: ein gepflegter öffentlicher Raum, bessere Beleuchtung, eine sauberere Umgebung. Das klingt banal, hat aber nachweislich Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Menschen.

Kinder und Jugendliche bei einer Beteiligungsveranstaltung

„Communities That Care“ setzt auf Beteiligung: Im Mittelpunkt des Programms steht der direkte Dialog mit Kindern und Jugendlichen – ihre Perspektive auf Lebensumfeld, Schule und öffentlichen Raum bildet die Grundlage für den kommunalen Aktionsplan. Foto: Adobe Stock

Weitere Informationen

Weitere Informationen und Materialien zur kommunalen Kriminalitätsprävention finden Sie unter www.kkp-bw.de.