Katzenflut im Südwesten?
Deutschland ist ein Katzenland. Rund 16 Millionen Samtpfoten leben als Haustiere in Wohnungen und Gärten – hinzu kommen schätzungsweise 1,5 bis 2 Millionen Straßenkatzen. Für Baden-Württemberg gibt es keine exakten Zahlen, doch Tierschutzvereine und Tierheime melden seit Jahren eine wachsende Flut an herrenlosen Tieren. Viele von ihnen sind krank, unterernährt oder von Parasiten befallen. „Es wird immer schlimmer“, warnt Svenja Große-Kleffmann, Vorsitzende des Vereins Mensch und Tier Schwäbische Alb, im SWR. Allein seit Gründung ihres Vereins vor weniger als zwei Jahren habe man rund 4.000 Katzen eingefangen, kastriert und aufgepäppelt – finanziert ausschließlich durch Spenden.
Die Dimensionen sind enorm: Auf einem Bauernhof in der Region Eningen unter Achalm schätzte der Landwirt den Bestand auf 15 Tiere – tatsächlich fanden Tierschützerinnen 580 Katzen, die eingefangen und kastriert werden mussten. Solche Fälle zeigen, wie schnell sich eine unkontrollierte Population entwickeln kann. Biologisch ist das Problem einfach erklärt: Katzen sind inzwischen fast ganzjährig paarungsbereit, bedingt auch durch mildere Winter infolge des Klimawandels. Kätzinnen können mehrmals im Jahr werfen, sechs bis acht Junge pro Wurf sind keine Seltenheit. Innerhalb von zehn Jahren kann so aus einer einzigen unkastrierten Katze eine Nachkommenschaft von über 80.000 Tieren entstehen.
172 Gemeinden haben Katzenschutzordnung
Das Ergebnis spüren die Tierheime. In einem Brandbrief an die Politik warnten zehn Tierschutzvereine und Tierheime aus Baden-Württemberg und Bayern im Sommer, dass sie am Rand der Kapazität stünden. Die Unterbringungskosten seien kaum mehr zu stemmen, die Helferinnen und Helfer am Limit. Die Lage belaste nicht nur die Einrichtungen selbst, sondern auch die Gemeinden, die im Ernstfall Verantwortung tragen müssen. Für die Tierschützer ist die Lösung eindeutig: eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Freigänger-Katzen. Denn viele Straßenkatzen stammen ursprünglich von Haustieren ab, die nicht kastriert wurden und sich draußen vermehrt haben. Eine Katzenschutzverordnung legt fest, dass Freigängerkatzen gekennzeichnet und kastriert werden müssen; streunende Tiere können auf dieser Grundlage eingefangen und behandelt werden.
Doch die Umsetzung ist bislang lückenhaft. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums gibt es eine solche Verordnung derzeit nur in 172 von rund 1.100 Städten und Gemeinden in Baden-Württemberg – darunter Orte wie Kirchzarten, St. Peter oder Mannheim. Große Städte wie Freiburg, Emmendingen oder Offenburg haben bislang gezögert. „Das ist ein Flickenteppich“, kritisiert die Tierschutzorganisation Tasso. Auch der NABU mahnt: Streunende Katzen seien nicht nur ein Tierschutzproblem, sondern auch eine Gefahr für die Artenvielfalt. Katzen erbeuten nicht nur Mäuse, sondern auch Libellen, Blindschleichen, Zauneidechsen und viele Vogelarten. Besonders kritisch sei die Situation bei den streng geschützten Wildkatzen, deren Bestände durch Kreuzungen mit Hauskatzen gefährdet werden.
Ermittlung von „Katzen-Hotspots“ nur lokal möglich
Einige Kommunen haben aus den Erfahrungen gelernt. Mannheim etwa führte zunächst nur eine Registrierungspflicht ein, stellte jedoch fest, dass dies nicht reichte. Seit Frühjahr 2024 gilt dort auch die Kastrationspflicht. „Kennzeichnung und Appelle haben nicht ausgereicht, um die Populationen einzudämmen“, so eine Stadtsprecherin. Heute wird eine aufgefundene Katze registriert, gekennzeichnet und kastriert, wenn der Halter nicht binnen 48 Stunden ermittelt werden kann.
Warum aber gibt es keine landesweite Regelung? Das Landwirtschaftsministerium verweist auf die Kommunen: Katzenpopulationen seien lokal unterschiedlich, nur vor Ort könnten sogenannte „Hotspots“ ermittelt werden. Für Tierschützer ist das unverständlich. Schleswig-Holstein habe gezeigt, dass eine flächendeckende Pflicht rechtlich möglich sei, betont BUND-Experte Dominic Hahn gegenüber dem SWR. Auch der Deutsche Tierschutzbund fordert eine einheitliche Lösung – mindestens auf Landes-, besser noch auf Bundesebene.
Dass es Handlungsbedarf gibt, bezweifelt niemand. Eine Erhebung des Tierschutzbundes aus dem Jahr 2024 zeigte: Fast 80 Prozent der Tierschutzvereine registrierten steigende Straßenkatzenpopulationen. Für den Südwesten bedeutet das: Auch wenn genaue Zahlen fehlen, ist das Problem sichtbar. Ob das Land die Verantwortung weiterhin den Kommunen überlässt oder ob es zu einer landesweiten Verordnung kommt, bleibt eine politische Frage. Klar ist jedoch: Jede nicht kastrierte Katze kann zur nächsten Populationsexplosion beitragen – und die Zeit spielt gegen Tierheime, Gemeinden und nicht zuletzt gegen die Tiere selbst.
