Wahlbox und Wahlzettel
Leere Stimmzettel werden häufiger: Bei sogenannten „Wilden Wahlen“ müssen Wählerinnen und Wähler selbst Kandidatennamen eintragen.
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Fachkräftemangel in der Rathaus-Chefetage

Der Fall Limbach im Neckar-Odenwald-Kreis macht ein Phänomen sichtbar, das zunehmend häufiger auftritt: Bürgermeisterwahlen stehen an – ohne eine einzige Kandidatin oder einen einzigen Kandidaten. Woran das liegen könnte, und welche Wege es gibt, dem entgegenzuwirken.

Kürzlich sorgte die Gemeinde Limbach im Neckar-Odenwald-Kreis für Aufsehen. Anfang Februar 2026 steht dort eine Bürgermeisterwahl an. Doch es hat sich niemand offiziell als Kandidat für das Amt beworben. Die Bewerbungsfrist endete, ohne dass ein einziger gültiger Vorschlag eingegangen ist.

Das bedeutet, dass auf dem Wahlzettel kein Name eines Bewerbers stehen wird. Die Wählerinnen und Wähler haben lediglich die Möglichkeit, in einer freien Zeile eigene Namensvorschläge einzutragen. Dieses Verfahren wird auch als „wilde Wahl“ bezeichnet. Der amtierende Bürgermeister Thorsten Weber, seit 2018 im Amt, hatte zuvor angekündigt, nicht erneut anzutreten.

Kandidierende Fehlanzeige: „Wilde Wahlen“ werden häufiger

Nach Bekanntwerden der Situation zeigten sich zwar mehrere Personen interessiert, das Amt zu übernehmen. Diese Rückmeldungen kamen jedoch erst nach Ablauf der Bewerbungsfrist, als die Stimmzettel bereits gedruckt waren. Damit bleibt die Wahl formal eine Wahl ohne offizielle Kandidaten, bei der die Bürgerinnen und Bürger selbst aktiv werden müssen.

Diese besondere Lage verweist auf ein größeres strukturelles Problem: In vielen kleineren Gemeinden in Deutschland wird es zunehmend schwieriger, Menschen zu finden, die bereit sind, ein kommunales Spitzenamt zu übernehmen. Auch in Baden-Württemberg gibt es vergleichbare Fälle. So wurde im Ortenaukreis in Oberwolfach im Jahr 2025 bekannt, dass der einzige Bürgermeisterkandidat seine Bewerbung kurz vor dem Wahltermin zurückzog. Am Ende kehrte Alt-Bürgermeister Jürgen Nowak ins Rathaus zurück – allerdings nur übergangsweise für zwei Jahre.

Ein Blick in die Statistik unterstreicht, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt. Nach einer Auswertung des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg kandidierten zwischen Anfang 2017 und Ende 2024 durchschnittlich nur rund 2,9 Personen pro Bürgermeisterwahl. In mehr als einem Viertel der Fälle gab es lediglich einen Bewerber, und in zwei Gemeinden – Tunau und Schönenberg – trat sogar niemand an.

Auch bundesweit zeigt sich derselbe Trend. Bei den bevorstehenden Kommunalwahlen in Bayern berichten Medien aus mehreren Gemeinden – darunter Brunnen, Philippsreut und Megesheim –, dass weniger als zwei Monate vor dem Wahltermin noch keinerlei offizielle Kandidaten gemeldet sind.

Attraktivität des Amtes leidet unter schwierigen Rahmenbedingungen

Mehrere Beobachter sehen hinter dem Mangel an Bürgermeisterkandidaten nicht nur lokale Besonderheiten, sondern eine allgemein sinkende Bereitschaft zum politischen Engagement – insbesondere in kleinen Kommunen mit begrenzten Ressourcen und zugleich hoher Verantwortung. Kommunale Spitzenämter bieten zwar große Gestaltungsmöglichkeiten, sind aber oft mit erheblichem Arbeitsaufwand, öffentlicher Kritik und vergleichsweise geringer gesellschaftlicher Anerkennung verbunden. Auch ein rauer gewordener gesellschaftlicher Umgangston und fehlende Wertschätzung gegenüber Lokalpolitikern werden zunehmend als Hemmnisse genannt.

Wie ausgeprägt diese Belastung empfunden wird, zeigte bereits 2024 eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung unter ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern in Deutschland. Rund die Hälfte der Befragten gab an, mit den Rahmenbedingungen ihres Amtes unzufrieden zu sein. Besonders kritisch bewerteten sie die Unterstützung durch Bundes- und Landespolitik: Fast neun von zehn stuften diese als „weniger gut“ oder „schlecht“ ein. Gleichzeitig äußerte eine große Mehrheit Sorgen über fehlende finanzielle Mittel in ihren Gemeinden – mit Folgen für den politischen Nachwuchs.

Bekanntlich hat sich diese Lage seit 2024 nicht verbessert. Gerade die finanziell angespannte Situation vieler Kommunen und Zeiten von Kürzungen schrecken potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten zusätzlich davon ab, ein eigentlich wirkmächtiges und verantwortungsvolles Amt zu übernehmen.

Prävention fehlenden Interesses: Best Practice aus Empfingen

Lässt sich dem Phänomen fehlender Kandidatinnen und Kandidaten bei Bürgermeisterwahlen entgegenwirken? Ein zentraler Ansatz besteht darin, das Bürgermeisteramt frühzeitig sichtbar zu machen und aktiv für eine Nachfolge zu werben. Gefragt sind hier vorausschauendes Handeln der amtierenden Bürgermeister sowie der Gemeinderäte, um potenzielles Interesse rechtzeitig zu wecken und Aufmerksamkeit für das vakante Amt zu erzeugen. Schließlich zeigte sich auch in Limbach: Nach Bekanntwerden der außergewöhnlichen Situation meldeten sich mehrere interessierte Personen.

Ein Beispiel für einen solchen Ansatz liefert die Gemeinde Empfingen im Landkreis Freudenstadt bereits von 2017. Dort kündigte der langjährige Bürgermeister Albert Schindler seinen bevorstehenden Ruhestand an. Der Gemeinderat stellte früh fest, dass sich kaum potenzielle Nachfolger abzeichneten, und entschied sich deshalb für einen ungewöhnlichen Weg: Die Kommune startete eine breit angelegte Marketing- und Werbekampagne, die weit über die üblichen Informationskanäle hinausging. Eine Werbeagentur wurde beauftragt, Plakate gestaltet, ein Imagevideo produziert und eine eigene Website eingerichtet.

Ziel war es, die Vorzüge der Gemeinde herauszustellen und gleichzeitig deutlich zu machen, welche Qualifikationen und welches Engagement von einer künftigen Bürgermeisterin oder einem Bürgermeister erwartet werden. Dabei wurde betont, dass ein Parteibuch keine Voraussetzung sei – gefragt seien vielmehr Ideenreichtum, Verantwortungsbewusstsein, Verwaltungskompetenz sowie ein gutes Gespür für das Vereins- und Gemeindeleben.

Zwar wird in der Fachdebatte angemerkt, dass solche Kampagnen nicht in jedem Fall passende Bewerber hervorbringen. Gleichzeitig bringt ein vakantes Bürgermeisteramt für die Verwaltung und Bürgerschaft erhebliche Unsicherheiten mit sich. In Empfingen führte die Initiative schließlich zu einer regulären Wahl mit einer Wahlbeteiligung von über 60 Prozent. Der gewählte Bürgermeister Ferdinand Truffner ist bis heute im Amt.