Innenraum einer Kirche in Baden-Württemberg
Neue Nutzung, neues Leben: Ehemalige Kirchengebäude, wie hier in Hannover eines, das zum Café wurde, können auch nach ihrer Entwidmung weiter Orte der Gemeinschaft bleiben.
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Die Zeichen stehen auf Wandel

In den kommenden Jahren werden in Baden-Württemberg tausende kirchliche Immobilien und Liegenschaften frei. Für Kommunen eröffnet das eine Chance stadtplanerischer Gestaltung.

Die vier großen Kirchen in Baden-Württemberg – die Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg sowie die katholischen Diözesen Freiburg und Rottenburg-Stuttgart – stehen vor einer der tiefgreifendsten Strukturveränderungen ihrer Geschichte: Sinkende Mitgliederzahlen, rückläufige Kirchensteuereinnahmen und steigende Energie- und Sanierungskosten zwingen sie, ihr umfangreiches Immobilienportfolio grundlegend neu zu ordnen. Für diesen Artikel haben sie dem die:gemeinde-Magazin Informationen zur Verfügung gestellt, um kommunale Verantwortliche auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen.

Bis zu 5.000 Immobilien und Liegenschaften

Schätzungen zufolge werden in Baden-Württemberg in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren bis zu 5.000 kirchliche Immobilien und Liegenschaften frei. Entgegen einem verbreiteten Missverständnis geht es bei diesem Prozess nicht in erster Linie um Kirchengebäude. Im Mittelpunkt stehen Gemeindehäuser, Pfarrhäuser und Kindertagesstätten. Also Gebäude, die oft mitten in Ortschaften liegen und für die Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielen.

Zusätzlich treibt die Kirchen ein weiteres Ziel an: Klimaneutralität. Das Erzbistum Freiburg will diese bereits ab 2030 erreichen, die Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie die beiden evangelischen Landeskirchen streben sie bis 2040 an.

Vier Kirchen, vier Wege

Je nach geographischer Lage sind Kommunen und Landkreise von der einen oder anderen Konfession stärker betroffen. Die grobe Richtung ist klar, die Herangehensweise der vier Kirchen ist jedoch unterschiedlich. Die Evangelische Landeskirche in Baden hat einen systematischen Bewertungsprozess bereits abgeschlossen: Rund 2.500 Gebäude wurden erfasst und anhand einer Gebäudeampel bewertet. Grün bedeutet zentrale Förderung durch die Landeskirche, gelb und rot bedeuten: Die Kirchengemeinden müssen selbst Lösungen finden, sei es etwa durch Partnerschaften, Umnutzung oder Verkauf. Rund 45 Prozent des Bestands bleibt von Seiten der Kirchen förderfähig, der Rest muss andere Wege gehen. Der verbleibende Kernbestand soll bis 2040 in einem strukturierten Sanierungsplan klimaneutral ertüchtigt werden.

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg verfolgt mit dem offiziellen Steuerungs-Prozess OIKOS (altgriechisch für Haus) ein ähnliches, aber noch laufendes Vorgehen: Rund 5.800 Gebäude werden erfasst, analysiert und bewertet. Auch hier kommt ein Ampelsystem zum Einsatz. Ziel ist eine deutliche Reduktion des Gebäudebestands bei gleichzeitiger Stärkung von Nutzungsgemeinschaften und Gebäudepartnerschaften. Der Prozess gliedert sich in drei Phasen: Datenerhebung (OIKOS-Studie), Datenanalyse (OIKOS-Cockpit) und Handlungspläne (OIKOS-Strategie).

Das Erzbistum Freiburg geht einen dezentraleren Weg. Im Rahmen des Kirchenentwicklungsprozesses K 2030 hat es zum 1. Januar 2026 seine Struktur grundlegend verändert: Die bisherigen 224 Seelsorgeeinheiten wurden zu 36 neuen Pfarreien zusammengefasst. Jede dieser Pfarreien verwaltet nun eigenständig ihren Immobilienbestand von 80 bis 300 Gebäuden. Unterstützt werden sie durch einen hauptamtlichen Pfarreiökonomen sowie das Erzbischöfliche Ordinariat und die Erzbischöflichen Bauämter. Seit 2017 haben die Kirchengemeinden ihren Immobilienbestand erfasst. Dieser wird nun auf Basis der neuen Zuständigkeiten bei Bedarf aktualisiert. Auf Grundlage der pastoralen Konzepte bewerten die Kirchengemeinden ihren Gebäudebestand und treffen Entscheidungen über künftige Nutzungen bis hin zu Reduzierungen.

Konkrete Reduktionsvorgaben gibt es nicht; die Entscheidungen werden vor Ort im Sinne der Subsidiarität getroffen. Klare Vorgaben bestehen jedoch bei der Energiewende: Heizungen müssen von fossilen Energieträgern umgestellt werden und eine Photovoltaik-Strategie unterstützt den Ausbau von PV-Anlagen.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat mit dem Projekt „Räume für eine Kirche der Zukunft“ ebenfalls einen gewissen, klar umrissenen Kurs eingeschlagen: Das Projekt läuft seit Sommer 2024 und ist bis 2035 angelegt. Im Fokus stehen nichtsakrale, beheizte und kirchensteuerfinanzierte Flächen. Also nicht die Kirchen selbst und auch nicht rentabel betriebene Liegenschaften.

Von diesen Flächen müssen 30 Prozent kostenseitig reduziert werden. Bis Ende 2026 sollen umsetzungsreife Beschlüsse der Kirchengemeinden vorliegen. Ein wichtiges Prinzip: der Primat der Kooperation. Flächen sollen möglichst gemeinschaftlich mit anderen genutzt werden. Lokale Zukunftsausschüsse der Kirchengemeinden bereiten die Entscheidungen vor, unterstützt durch sogenannte Regionalmanagerinnen und Regionalmanager.

Chancen für Kommunen

Die freiwerdenden Liegenschaften bieten erhebliches Entwicklungspotenzial, gerade für Städte und Gemeinden. Zentrale stadtplanerische Weichenstellungen können durch diese oft in Ortskernen angesiedelten Bestände ermöglicht werden. In Frage käme laut den Kirchen etwa die Schaffung von Wohnraum durch die Umnutzung von Pfarrhäusern, die Entwicklung von Quartierszentren oder Dorfgemeinschaftshäusern, die Stärkung sozialer Infrastruktur sowie die Ansiedlung kultureller und Bildungsangebote.

Ehemalige kirchliche Bildungsstätte in Stuttgart-Birkach

Erste Konzepte stehen: Beispielsweise soll eine ehemalige kirchliche Bildungsstätte in Stuttgart-Birkach zu einem offenen Quartiershaus werden und Platz für Wohnen, Kultur und Gemeinwesensfunktionen bieten. Foto: Evangelische Landeskirche in Württemberg

Die Kirchen zeigen sich für diese Nachnutzungen ausdrücklich offen. Gleichwohl sehen sich auch die Städte und Gemeinden derzeit mit einer sehr angespannten Finanzlage und immer geringer werdenden Handlungsspielräumen konfrontiert. Es wird daher im Einzelfall zu prüfen sein, wo sich für alle Beteiligten aussichtsreiche Entwicklungsoptionen mit tragfähigen Rahmenbedingungen ergeben.

Das Land Baden-Württemberg begleitet diese Entwicklung aktiv: Mit dem Innovationspreis „Kirche und bezahlbares Wohnen“ werden gelungene Kooperationsprojekte sichtbar gemacht und als Vorbild für andere Kommunen aufbereitet.

Die kirchlichen Prozesse sind teils bereits in der Umsetzungsphase. Kommunale Verantwortliche, die bei Flächenentwicklungen, Daseinsvorsorge oder Wohnungsbau aktiv mitgestalten wollen, können nun den Kontakt zu den zuständigen Stellen vor Ort und in den kirchlichen Leitungsämtern suchen. Die Fenster für frühzeitige Kooperationen öffnen sich gerade.

In Württemberg soll es im Herbst acht regionale Treffen geben, bei denen lokale Partner bei der Zukunftsentwicklung des Gebäudebestands unterstützt werden sollen. Für die potenziellen Kooperationspartner seitens Kirchengemeinden und Kommunen wird es bei diesen Treffen Inspiration und Beratung geben.

Kirchliche Immobilien gemeinsam entwickeln – Regionentreffen Herbst 2026

  • Heilbronn, 23.10.
  • Nagold, 6.11.
  • Rottweil, 6.11.
  • Ravensburg, 13.11.
  • Metzingen, 13.11.
  • Stuttgart, 20.11.
  • Schwäbisch Gmünd, 20.11.
  • Öhringen, 21.11.

Alle Details zu den Regionaltreffen finden Sie unter https://urlz.fr/v9MX

Kirche und bezahlbares Wohnen (Best-Practice-Beispiele):
https://is.gd/IMRuda