Bibliotheken als Orte der Begegnung
© Marco Heyda

Bibliotheken: Moderne Orte der Begegnung

8. November 2020
Die Kommunen im Land sind mit öffentlichen Büchereien gut ausgestattet. Auch im ländlichen Raum lebt das Bibliothekswesen. Es entstehen sogar neue Einrichtungen - modern ausgestattet, mit digitalen Angeboten und einer Fernleihe. Die Gemeinde muss sich hinter der Stadt nicht verstecken!

Text: Uwe Roth

Insgesamt gewinnen die Bibliotheken im ländlichen Raum an Wichtigkeit. Denn in den Dörfern verschwinden andere Orte der Kommunikation – Läden schließen, Kirchenräume werden aufgegeben. Büchereien können dort ein Anker sein, der die Menschen in die Ortsmitte holt, wo sie dann auch einkaufen. Die klassische Bücherei, die nur von der Ausleihe von Büchern lebt, hat es heute allerdings schwer. PC-Arbeitsplätze, freies WLan, Aufenthaltsräume, in denen Schüler Hausaufgaben machen, E-Books und Streaming-Angebote oder eine Kaffeebar gehören heute zur Ausstattung, die die Bürger anlockt. Gleichzeitig bringen elektronische Ausleihmöglichkeiten Bewohner auch aus entfernteren Gegenden dazu, Bibliotheksnutzer zu werden, ohne sich dafür ins Auto setzen zu müssen.

Medienschulungen besonders für ältere Menschen

Das bringt besonders auch älteren Menschen auf dem Land Vorteile, denn sie bekommen hier Möglichkeit und Hilfe, um ihre Medienkompetenz zu erweitern. Ein E-Book online in der Datenbank zu suchen und auf das eigene Lesegerät herunterzuladen, ist für viele Senioren kein Problem mehr, beobachten Bibliothekare. Zudem könnten sie Schulungen anbieten, eventuell in Kooperation mit der Volkshochschule. Eine Fernleihe mit guter Ausstattung an digitalen Medien zeigt gerade jetzt in der Corona-Pandemie ihre Vorteile. Bibliotheksleitungen haben ihre Onlinebestände – je nach Finanzlage – massiv aufgestockt.

Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen

Das insgesamt gute Niveau hängt sicher damit zusammen, dass alle vier Regierungspräsidien jeweils eine „Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen“ haben. Deren Mitarbeiter warten nicht bloß auf Anrufe, sondern gehen auf die Bibliotheksleitung zu, um nach Schwachstellen zu schauen. „Wir besuchen alle zwei Jahre unsere Bibliotheken“, sagt Christina Kälberer, die das Referat 23 in Freiburg leitet. In dem vorwiegend ländlich geprägten Regierungsbezirk gibt es 107 Gemeinden, die öffentliche Bibliotheken betreiben. Die Mehrheit des Personals arbeitet nebenamtlich.

Wie viele Medien braucht eine Bibliothek?

Die Beratung der Behörde ist umfassend: „Wir machen Beratung, bilden die Mitarbeiter fort und schauen nach Fördermittel über die Landesgrenzen hinaus“, zählt Kälberer die Dienstleistungen der Fachstellen auf. Sie diskutiert mit Architekten, die den Neu- oder Umbau einer Bücherei planen, und geht in Sitzungen des Gemeinderats, um über die Möglichkeiten zu sprechen, die örtliche Stadtbücherei optimal auszustatten. Die Rathausführung und der Gemeinderat müssen voll hinter einer solchen Einrichtung stehen, sagt Kälberer. Eine Mediathek benötigt laufend ausreichend Finanzen, um den Bestand aktuell zu halten. Eine Medieneinheit kostet im Schnitt 17 Euro, kalkuliert sie.

Soll eine Bibliothek im ländlichen Raum ihren Zweck erfüllen, muss diese Vorgaben erfüllen, die in Deutschland im Gegensatz zu skandinavischen Ländern allerdings in keine Vorschrift gepackt sind: So sollte sie innerhalb von sieben bis zehn Kilometer oder in 30 Minuten mit dem ÖPNV erreichbar sein. Zwei Medien je Einwohner lautet die Fachempfehlung, 10.000 Einheiten sollten das Minimum sein, verteilt auf 300 Quadratmeter.

Wie viel Personal braucht eine Bibliothek?

Schwierig bei der Planung oder Modernisierung einer Bibliothek sind spätestens die laufenden Personalkosten. Die Empfehlung der Fachstelle für die Öffnungszeiten einer Bücherei lautet: 30.000 bis 50.000 Einwohner: mindestens 31 Stunden an mindestens fünf Wochentagen; 15.000 bis 30.000 Einwohner: mindestens 25 Stunden an mehreren Tagen der Woche; unter 15.000 Einwohner: mindestens 20 Öffnungsstunden an mehreren Tagen der Woche. Die Öffnungsstunden sollen nach Möglichkeit 75 Prozent der durchschnittlichen Öffnungsstunden des örtlichen Einzelhandels umfassen.

Bibliotheken - Die Bücherei Stockach ist Teil des Kulturzentrums der Stadt.
Die Bücherei Stockach ist Teil des Kulturzentrums der Stadt. 

Gabriele Gietz ist die Bibliotheksleiterin in Stockach im Landkreis Konstanz. Die Bücherei ist 2002 im Alten Forstamt eröffnet worden und umfasst etwa 24.000 Medien. Von Beginn an setzte die Bibliothekarin auf Digitalisierung und Automatisierung, um die Personalkosten gering zu halten. Der Deutsche Bibliotheksverband lobt die Digitalstrategie der Stadtbücherei ausdrücklich: „Neben der Onleihe stellt die Bibliothek einen bunten Strauß an digitalen Angeboten bereit: unter anderem stehen E-Reader, Nintendo Switch Konsolen, Tonie-Boxen, Ozobots, und Bluebots zur Ausleihe zur Verfügung.“ Die Wortwahl zeigt, wie fortschrittlich in Stockach gearbeitet wird. Die Bibliothek Stockach hat sich für die Umsetzung ihrer digitalen Angebote zahlreiche Partner ins Boot geholt und zusätzliche Fördermittel akquiriert, darunter den Medienkompetenz Fund Baden-Württemberg, die Stiftung Digitale Chancen, das Bundesprogramm „Kultur macht stark“ und die Sparkasse Hegau Bodensee.

Auch Tablets stehen den Lesern in der Stockacher Bücherei zur Verfügung.
Auch Tablets stehen den Lesern in der Stockacher Bücherei zur Verfügung.

In die Zukunft schaut man auch in Kirchzarten im Schwarzwald im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Die Bücherei der Gemeinde war in einem nüchternen Raum des Gymnasiums untergebracht. „Dort gab es nur Regale und null Aufenthaltsqualität“, sagt Bürgermeister Andreas Hall im Nachhinein. Die öffentliche Einrichtung ist vor über drei Jahren in eine ehemalige Zehntscheuer im historischen Ortskern umgezogen. Seither trägt sie den zeitgemäßen Namen Mediathek. Alles ist barrierefrei zugänglich, nicht nur für Rollstuhlfahrer, sondern ebenso für hör- und sehgeschädigte Menschen. Ein Sanierungsprogramm des Landes hat beim Umbau des fast 200 Jahre alten Gebäudes finanziell geholfen. In den Umbau und die Ausstattung wurden knapp drei Millionen Euro investiert. Die Mediathek verfügt über etwa 20.000 Einheiten, die über 2,5 Planstellen verwaltet werden.

"Immer was los"

Damit erfüllt sie moderne Standards. Sie ist 19 Stunden wöchentlich geöffnet und zu einem Treffpunkt im Ort mit Café und für Veranstaltungen geworden, „in dem immer was los ist“, freut sich Hall. Zumindest war das bis zum Corona-Ausbruch so. Kirchzarten hat 10000 Einwohner und ist Unterzentrum. Im Umkreis leben nochmals so viele Menschen, die ebenfalls potenzielle Nutzer sind. Um die beste Lösung zu finden, die zum ländlichen Raum passt, hat Bürgermeister Hall mit seinem Gemeinderat andere Büchereien besucht und die fachliche Unterstützung des Regierungspräsidiums in Anspruch genommen. Das Beste wurde umgesetzt, und „alles ist genauso geworden, wie wir es erhofft haben. Richtig toll“, lautet seine Bilanz.

Viele Vorzeige-Bibliotheken im ländlichen Raum

Als weitere Vorzeige-Bibliotheken in ihrem Bezirk nennt Kälberer die Einrichtungen in Wutöschingen im Landkreis Waldshut und Bad Krozingen im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Dort ist die Bücherei mit dem kommunalen Kino unter einem Dach. Das sorgt ganztägig für ganztägigen Besucherbetrieb. In Wutöschingen befand sich die ursprünglich ehrenamtlich geleitete Gemeindebücherei seit 1982 im Kellergeschoss des Rathauses. Seit 2013 ist diese in einem umgebauten Lebensmittelmarkt im Zentrum des Ortes untergebracht. Die Konzeption ist eine Kombination aus Lernatelier, Bibliothek und Tagescafé. „Die barrierefreie, multifunktional nutzbare und verschiedene Interessengruppen ansprechende Mediothek bildet zusammen mit den attraktiven Außenanlagen das neue Ortszentrum“, lobt das Regierungspräsidium in einer Beschreibung.