Baden-Württemberg entdeckt das Gehen neu
Die Strategie macht deutlich, dass der Fußverkehr bislang oft nur „mitgedacht“ wurde. Straßen wurden primär für Autos geplant, später für den Radverkehr angepasst. Gehende mussten sich arrangieren – mit schmalen Wegen, langen Wartezeiten und Hindernissen. Nun wird das Gehen ausdrücklich als eigenständige Verkehrsart definiert. Jeder Weg beginnt und endet zu Fuß. Diese Selbstverständlichkeit wird politisch aufgewertet.
Das Papier formuliert Leitziele, die über reine Verkehrssicherheit hinausgehen. Es geht um Aufenthaltsqualität, Gesundheit, soziale Begegnung und selbstständige Mobilität – besonders für Kinder und ältere Menschen. Ein zentrales Element ist der Aufbau durchgängiger Hauptfußwegenetze. Gehwege sollen nicht länger isolierte Restflächen sein, sondern systematisch verknüpft und geplant werden.
Qualität statt Restfläche
Konkreter wird die Strategie bei der Ausgestaltung. Wege sollen so breit sein, dass zwei Personen nebeneinander gehen können, ohne ausweichen zu müssen. Begegnungsverkehr soll selbstverständlich möglich sein. Lange Wartezeiten an Ampeln gelten ausdrücklich als Barriere und sollen reduziert werden. Hindernisse wie Falschparker, abgestellte E-Scooter oder Werbeschilder werden als strukturelles Problem benannt.
Auch das Thema Schulwege erhält ein klares politisches Ziel. Die Zahl der sogenannten Elterntaxis soll bis 2030 halbiert werden. Kinder sollen wieder sicher und eigenständig zur Schule gelangen können. Dafür braucht es übersichtliche Kreuzungen, sichere Querungen und zusammenhängende Wege. Bestehende Programme wie „MOVERS – Aktiv zur Schule“ werden in die Gesamtstrategie eingebettet.
Auffällig ist der enge Zusammenhang zwischen Fußverkehr und Stadtentwicklung. Gehen wird nicht nur als Fortbewegung verstanden, sondern als soziale Praxis. Wo Menschen gerne zu Fuß unterwegs sind, entstehen lebendige Ortsmitten. Breitere Wege, sichere Querungen und Aufenthaltsflächen stärken zugleich Handel und Gastronomie. Die Strategie verbindet damit Mobilitätspolitik mit Fragen der Lebensqualität und Klimaanpassung.
Kommunen im Zentrum der Umsetzung
Entscheidend ist jedoch die kommunale Ebene. Wie fußgängerfreundlich Straßen und Plätze sind, entscheidet sich vor Ort. Das Land will Rahmenbedingungen verbessern, Förderprogramme anbieten und Fachpersonal unterstützen. Doch die Flächenkonkurrenz bleibt eine lokale Herausforderung. Breitere Gehwege bedeuten oft weniger Parkraum. Mehr Querungshilfen verändern Verkehrsabläufe. Konflikte sind absehbar.
Verkehrsminister Winfried Hermann spricht von einer langfristigen Transformation. Tatsächlich markiert die Strategie eine Verschiebung der Prioritäten. Das Gehen rückt vom Rand in die Mitte der Verkehrspolitik. Ob daraus ein echter Kulturwandel entsteht, hängt davon ab, wie konsequent Kommunen Flächen neu verteilen – und wie stark das Land finanzielle Anreize setzt. Der politische Kompass ist gesetzt. Jetzt entscheidet die Praxis.
