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Abschlusszahlen: Realschulen zwischen Stabilität und Reformdruck

Der mittlere Abschluss bleibt in Baden-Württemberg klar die häufigste Schulabschlussform. Doch die langfristigen Trends, insbesondere der Absturz der Hauptschulabschlüsse und ein leichter Anstieg bei den Abgängern ohne Abschluss, verstärken den Reformdruck. Für Kommunen rücken Realschulen als Bildungsanker noch stärker in den Fokus – während landespolitisch weiter über ihre Zukunft gestritten wird.

Mit dem Start der Sommerferien 2025 verlassen viele junge Menschen in Baden-Württemberg nicht nur ihre Schule, sondern auch das allgemeinbildende Schulsystem. Die jüngste Statistik des Statistischen Landesamts zeigt: Der mittlere Abschluss ist und bleibt das Rückgrat der Bildungslandschaft. 2024 erreichten 48.966 Schülerinnen und Schüler diesen Abschluss – fast die Hälfte aller Abgänger. Damit bestätigt sich die Rolle der Realschule als „Schule der Mitte“ und wichtigste Lieferantin für das duale Ausbildungssystem und die beruflichen Schulen.

Langfristige Verschiebungen in der Abschlusslandschaft

Gleichzeitig zeigt die Langzeitperspektive deutliche Verschiebungen. Die Zahl der Hauptschulabschlüsse ist seit 2005 von mehr als 40.000 auf nur noch rund 16.200 gefallen. Die Hochschulreife bleibt mit knapp 29.000 Fällen relativ stabil, während der Anteil der Abgänger ohne Hauptschulabschluss 2024 mit 7.531 einen Höchststand seit 2017 erreichte. Auffällig ist, dass sich darunter viele Jugendliche mit sonderpädagogischem Bildungsabschluss finden, aber auch eine wachsende Gruppe ganz ohne formalen Abschluss.

Für die Kommunen hat das handfeste Folgen. Berufliche Schulen werden auch künftig Hauptdrehscheibe für Bildungs- und Berufsorientierung bleiben. Jugendhilfe und Integrationsarbeit müssen auf eine stabile bis steigende Zahl an Jugendlichen ohne Abschluss reagieren. Gleichzeitig steht die Schulentwicklungsplanung vor der Frage, wie man mit schrumpfenden Haupt- und Werkrealschulstandorten und stabilen bis wachsenden Realschulbedarfen umgeht.

Realschulen als Schlüsselfaktor in der kommunalen Bildungsplanung

Diese Trends verstärken die aktuelle Debatte um die Zukunft der Realschulen in Baden-Württemberg. Im Juni hatte die die:gemeinde ausführlich über den vom Realschullehrerverband initiierten Volksantrag „Nicht ohne unsere Realschulen!“ berichtet. Darin wird vor einem schleichenden Umbau der Schulart gewarnt: Verwischte Profile, Verbundlösungen mit Haupt- oder Gemeinschaftsschulen und fehlende verbindliche Grundschulempfehlungen könnten den Charakter der Realschule als eigenständige Schulform untergraben.

Das Kultusministerium hält dagegen und verweist auf Flexibilität und individuelle Förderung. Für Kommunen als Schulträger bedeutet die Situation jedoch vor allem eines: Planungsunsicherheit. Welche Schulformen vor Ort langfristig bestehen bleiben, beeinflusst nicht nur den pädagogischen Auftrag, sondern auch Investitionsentscheidungen in Gebäude, Ausstattung und Personal.

Die aktuelle Schulstatistik liefert nicht nur Zahlen, sondern auch einen bildungspolitischen Auftrag. Der mittlere Abschluss ist die stabile Säule im System – und damit die Realschule ein Schlüsselakteur. Ob sie diese Rolle in unveränderter Form behält oder in einem breiteren, flexibleren System aufgeht, wird entscheidend dafür sein, wie Kommunen ihre Bildungslandschaft gestalten können.

Steigende Schülerzahlen verändern die Ausgangslage

Parallel dazu verzeichnen die öffentlichen allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg im Schuljahr 2024/25 erneut einen Anstieg der Schülerzahlen um 1,1 Prozent auf rund 1,038 Millionen. Besonders stark ist das Plus in den Grundschulen, die um 2,9 Prozent auf knapp 405.700 Kinder zulegten. Die Realschulen halten ihre Schülerzahl mit rund 194.500 stabil, was einem Anteil von gut einem Drittel der Jugendlichen an weiterführenden Schulen entspricht. Dagegen setzen sich der Rückgang an Werkreal- und Hauptschulen sowie das Wachstum an Gemeinschaftsschulen fort.

Einen deutlichen Zuwachs verzeichnen die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, die inzwischen rund 3,8 Prozent der gesamten Schülerschaft aufnehmen. Getrieben wird diese Entwicklung auch durch den Zuzug geflüchteter Kinder und Jugendlicher, insbesondere aus der Ukraine. Ob sich dieser Trend verstetigt oder lediglich eine Zwischenphase markiert, bleibt offen – für die kommunale Schulentwicklungsplanung bedeutet er in jedem Fall zusätzlichen Anpassungsdruck.