Voneinander lernen
In vielen Städten und Gemeinden fehlt bezahlbarer Wohnraum – ein Problem, das immer mehr zur entscheidenden Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts wird. Gleichzeitig sind die Anforderungen gestiegen: Klimaschutz, Flächensparen, soziale Mischung und Beteiligung müssen zusammengedacht werden. Der Bau-Turbo soll helfen, unter diesen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Konkret erlaubt der Bau-Turbo es den Kommunen, bei bestimmten Vorhaben von langwierigen Planungsverfahren abzuweichen und schneller Baurecht zu schaffen. Das spart Zeit, ersetzt aber keine politische und fachliche Abwägung: Wirkung entfaltet er nur dort, wo er bewusst gesteuert wird.
Der Bau-Turbo im kommunalen Alltag
In der Praxis zeigt sich schnell: Entscheidend ist nicht nur das Gesetz selbst, sondern seine Anwendung vor Ort. Viele Kommunen möchten den Bau-Turbo nutzen, vor allem für Nachverdichtung, Aufstockung und die Umnutzung bestehender Gebäude. Zugleich bestehen Unsicherheiten. Häufige Fragen betreffen die rechtliche Sicherheit, Fristen, Zuständigkeiten in der Verwaltung und die Rolle der Kommunalpolitik.
An dieser Stelle setzt das „Umsetzungslabor Bau-Turbo“ an. Den Auftakt bildete im November 2025 eine bundesweite hybride Werkstatt mit rund 1.700 Teilnehmenden aus Kommunen, Verwaltung, Fachpraxis, Bauwirtschaft und Zivilgesellschaft. Sie markierte den Start eines gemeinsamen Lernprozesses, aus dem eine zentrale Erkenntnis hervorging: Beschleunigung gelingt nur, wenn Wohnen, Klimaschutz und Verwaltungsprozesse gemeinsam gedacht werden.
Umsetzungslabor: Austausch zwischen Kommunen
Das Umsetzungslabor ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, des Deutschen Instituts für Urbanistik und der Bauwende Allianz, initiiert von ProjectTogether. Ziel ist es, kommunale Umsetzungserfahrungen zu bündeln und für andere nutzbar zu machen.
Ein zentrales Format ist der kommunale Fachaustausch. Als regelmäßiges digitales Format bietet er Raum für Fragen, kollegialen Erfahrungsaustausch und Praxisbeispiele aus Kommunen, jeweils gebündelt um ein klar definiertes Schwerpunktthema.
Erste Erfahrungen: großes Interesse, viele Fragen
Die bisherigen Werkstätten und Austausche zeigen ein differenziertes Bild zum Bau-Turbo:
- Interesse: In vielen Kommunen ist das Interesse am Bau-Turbo hoch. Er wird als Chance gesehen, schneller Wohnraum zu schaffen und festgefahrene Prozesse zu öffnen. Gleichzeitig wird sorgfältig abgewogen, wie und in welchem Umfang das Instrument eingesetzt werden kann.
- Ausgangslagen: Die kommunalen Ausgangslagen unterscheiden sich je nach Größe und Struktur. Zahlreiche Kommunen arbeiten bereits mit politischen Grundsatzbeschlüssen, klaren Kriterien und abgestimmten Verwaltungsabläufen. Unabhängig von der Gemeindegröße setzen sich viele Städte und Gemeinden intensiv mit einer städtebaulich verträglichen Umsetzung auseinander, wobei die verfügbaren Ressourcen unterschiedlich ausgestaltet sein können.
- Orientierung: Über alle Kommunen hinweg besteht ein gemeinsamer Bedarf an konkreten Praxisbeispielen, gut nachvollziehbaren Vorlagen für Beschlüsse und Verfahren sowie an verlässlicher rechtlicher Orientierung. Gesucht wird Klarheit darüber, was rechtssicher möglich ist, wie Verfahren sinnvoll strukturiert werden können und wo Grenzen liegen.
- Bestand: Besonders großes Potenzial sehen viele Kommunen im Bauen im Bestand – etwa in der Umnutzung und Aufstockung vorhandener Gebäude — sowie in der Nachverdichtung in bestehenden Wohngebieten. Hier lassen sich häufig schneller und klimafreundlicher Ergebnisse erzielen als im Neubau, zugleich sind die fachlichen und politischen Abwägungen komplex.
- Abwägung: Die Zurückhaltung mancher Kommunen ist Ausdruck sorgfältiger Abwägung von Chancen, Risiken und eigenen Kapazitäten.
Genau hier setzt der Austausch im Umsetzungslabor an: Er bündelt Erfahrungen, schafft Orientierung und
unterstützt Kommunen dabei, informierte und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
Arbeitshilfen und Praxiswissen
Ergänzend zum Austausch stellt das Umsetzungslabor auf seiner Website eine wachsende Sammlung praxisnaher Materialien bereit. Sie unterstützt Kommunen dabei, den Bau-Turbo im Arbeitsalltag einzuordnen, eigene Vorgehensweisen zu entwickeln und von den Erfahrungen anderer zu profitieren. Das Angebot soll von Beispielen für Grundsatzbeschlüsse und Leitlinien über Checklisten zur Strukturierung von Verwaltungsprozessen bis hin zu Praxisfällen aus Umnutzung, Nachverdichtung und Aufstockung reichen. So entsteht schrittweise ein gemeinsamer Wissenspool aus der kommunalen Praxis, der Orientierung bietet, ohne starre Vorgaben zu machen.
Zusätzlich zum digitalen Austausch werden Mitte März in Kassel rund 50 Verantwortungsträgerinnen und -träger aus ganz Deutschland im Rahmen des „Forum Bau-Turbo & Praxis-Radar“ erwartet. In Arbeitsgruppen arbeiten sie zu Verwaltungsabläufen, Umnutzung oder Wirkungsmessung. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse fließen als Praxisfeedback in die Weiterentwicklung auf Bundesebene ein.
Mehr als ein Gesetz
Als Co-Initiatorinnen und -initiatoren des Umsetzungslabors gilt für uns dabei auch: Der Bau-Turbo ist mehr als eine rechtliche Sonderregelung im Baugesetzbuch. Er ist auch ein Testfall für einen lernenden Staat, der auf kommunale Erfahrung, gegenseitiges Lernen und kontinuierliche Rückkopplung setzt. Unser Ziel: Was sich im gemeinsamen Prozess bewährt, soll auch für andere Bereiche mit dringendem Reformbedarf anwendbar sein. Das Umsetzungslabor schafft dafür Räume, ohne fertige Lösungen vorzugeben.
Weitere Informationen
Informationen zu den nächsten Ausgaben des kommunalen Fachaustauschs des Umsetzungslabors, Anmeldemöglichkeiten sowie weitere Informationen und Materialien finden interessierte Kommunen auf der Website des Umsetzungslabors unter https://is.gd/lMCbMS
Die Bauwende Allianz ist ein Bündnis aus Kommunen, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Ihr Ziel ist ein Bauen, das sozial gerecht, ökologisch verantwortungsvoll und praktisch umsetzbar ist. Koordiniert wird die Allianz von „ProjectTogether“. Weitere Informationen unter https://is.gd/E0VrW0/
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