„Schadensbeseitigung ist ein Marathonlauf“
Im Juni 2024 wurde Süddeutschland von heftigen Unwettern heimgesucht. In Baden-Württemberg und Bayern führten langanhaltende Regenfälle zu Überflutungen, evakuierten Dörfern und einer angespannten Lage, die Todesopfer forderte und monatelange Aufräumarbeiten nach sich zog.
Rudersberg – „Die Katastrophe werden wir noch lange spüren“
Besonders heftig traf es Rudersberg im Rems-Murr-Kreis. In der Nacht vom 2. auf den 3. Juni 2024 verwandelte sich die Gemeinde mit rund 12.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in ein großflächiges Katastrophengebiet: Innerhalb weniger Stunden wurde die Wieslauf, ein Nebenfluss der Rems, zu einem reißenden Strom, der meterhoch durch Straßen und Keller schoss und ganze Ortsteile unter Wasser setzte. Die Wieslauf, über ihre Ufer getreten, riss Straßen auf, unterspülte die Gleise der Wieslauftalbahn und drückte Schlamm und Fluten in Wohnungen, Werkstätten und Betriebe.
„Das Ereignis war eine fatale Kombination“, sagt Bürgermeister Raimon Ahrens rückblickend. Schon Tage zuvor habe es immer wieder geregnet, die Böden seien extrem gesättigt gewesen. Die Hochwasserlage habe sich zunächst leicht entspannt, „doch dann kam in der Nacht von Sonntag auf Montag das Starkregenereignis“. Innerhalb kürzester Zeit seien enorme Wassermengen gefallen – auf einen Untergrund, der nichts mehr aufnehmen konnte. „Das Wasser ist wie eine Flutwelle von allen Hängen herab durchs Wieslauftal gerollt.“
Wie außergewöhnlich die Lage war, zeigen die Messwerte. „Die gemessenen Werte lagen zwischen einem 1.000- und einem 5.000-jährigen Ereignis – näher am 5.000-jährigen“, erklärt Ahrens. In der Ortsmitte hätten die Wasserstände bis zu 1,80 Meter, teilweise sogar zwei Meter betragen. Die Wassermassen wurden begleitet von Schlamm, Geröll und Trümmern. „Insgesamt sprechen wir von einer Schadenshöhe von rund 150 Millionen Euro“, sagt der Bürgermeister. Die Zahl beruhe auf Schätzungen. „Wenn man bedenkt, dass einzelne Firmen bereits zweistellige Millionenschäden haben, dann kommt das hin.“
Auch die Kommune selbst wurde massiv getroffen. „Unsere kommunalen Schäden lagen am Ende zwischen 30 und 40 Millionen Euro.“ Betroffen waren zentrale Einrichtungen der Gemeinde, darunter Kindergärten, Schulen, Sporthallen und Bürgerhäuser, ebenso Straßen, Brücken und Gewässer. „Es hat eigentlich fast alle Ortsteile betroffen.“
Rudersberg im Juni 2024: Überflutete Straßen, zerstörte Infrastruktur, millionenschwere Schäden – die Folgen der Unwetterlage prägen die Gemeinde bis heute. Fotos: Gemeinde Rudersberg
Schadensbeseitigung: Aufarbeitung bleibt jahrelange Aufgabe
Man kann sich kaum vorstellen, wie sich eine Rathausspitze fühlen muss, wenn innerhalb weniger Stunden eine ganze Gemeinde im Ausnahmezustand versinkt. Dennoch betont Ahrens rückblickend: „Für den Umfang des Ereignisses haben die Strukturen wirklich sehr gut gegriffen.“ Besonders hebt er die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Blaulichtorganisationen und übergeordneten Behörden hervor.
Für die Kommune ist jedoch die Aufarbeitung auch fast zwei Jahre danach noch lange nicht abgeschlossen. „Die Schadensbeseitigung nach so einem Ereignis ist ein Marathonlauf und wird uns sicherlich noch einige Jahre begleiten.“ Gleichwohl sei bereits Vieles erreicht worden. „Gerade im Bereich der kommunalen Gebäude haben wir sehr viel geschafft.“ Schulen, Kindergärten, Sporthallen und Bürgerhäuser seien wieder nutzbar. Dennoch gebe es weiterhin sichtbare Lücken. „Es gibt auch im privaten und im Unternehmensbereich Gebäude, die noch nicht fertig saniert sind.“ Ein Beispiel sei der örtliche Edeka Markt, der bis heute nicht zurückkehrte. Auch bei Straßen, Brücken und der Gewässerinstandsetzung bestehe laut Ahrens weiterhin erheblicher Handlungsbedarf.
Hinzu kommen Folgen, die den Wiederaufbau zusätzlich erschweren. „Nach so einem Ereignis ist das Erdreich im Wald erst einmal deutlich lockerer“, erläutert er weiter. Schon bei leichteren Regenfällen falle mehr Geröll und Dreck an. Für die Gemeinde bedeute das einen erhöhten Wartungsaufwand. Kanalisation, Bäche und Abflüsse müssten wesentlich häufiger kontrolliert und gereinigt werden. „Das sind stetige Nachsorgearbeiten, die oft unterschätzt werden.“
Auch finanziell bleibt die Lage angespannt. Während Gebäudeschäden häufig versichert gewesen seien, gelte das für viele Bereiche der öffentlichen Infrastruktur nicht. „Alles, was den Außenbereich betrifft – Straßen, Feldwege, Brücken oder Gewässer – ist im Grunde nicht versicherbar.“ Ein erheblicher Teil der Kosten bleibe daher langfristig im kommunalen Haushalt spürbar.
Für die Gemeindeverwaltung bedeutete die Katastrophe zudem eine dauerhafte Ausnahmesituation. Parallel zum laufenden Betrieb müssten Versicherungsfälle begleitet, Wiederaufbaumaßnahmen koordiniert und umfangreiche Förderanträge bearbeitet werden. Viele reguläre Projekte hätten zwangsläufig verschoben werden müssen, da Personal und Ressourcen über Monate gebunden waren.
Und das trotz umfangreicher Hilfen. Besonders die Soforthilfen des Landes bewertet Ahrens positiv. „Das war in einer solchen Notsituation entscheidend“, sagt er. Vor allem die flexible Mittelverwendung habe es der Kommune ermöglicht, schnell zu handeln: „Wir konnten vor Ort priorisieren, wofür die Gelder eingesetzt werden, und rechnen erst im Nachgang ab.“ Deutlich kritischer sieht er klassische Förderprogramme. „Der bürokratische Aufwand ist erheblich und bindet Personal, das eigentlich im Wiederaufbau gebraucht wird.“
Die Folgen der Unwetterlage 2024 erforderten langwierige Aufräum- und Wiederaufbaumaßnahmen, deren Auswirkungen bis heute im kommunalen Haushalt und Verwaltungsalltag spürbar sind. Foto: Gemeinde Rudersberg
Lehren für Krisenmanagement und Vorsorge
Parallel habe die Gemeinde versucht, aus dem Ereignis konkrete Lehren zu ziehen. Technische Infrastruktur werde angepasst, Stromversorgung anders geplant, sensible Anlagen höhergelegt. „Vor einem Ereignis dieser Größenordnung gibt es jedoch keinen hundertprozentigen Schutz“, unterstreicht der Bürgermeister.
Die Aufarbeitung reicht inzwischen weit über den Wiederaufbau hinaus. Gemeinsam mit dem Staatsministerium beteiligt sich Rudersberg an wissenschaftlich begleiteten Nachsorgeprojekten. Eine zentrale Lehre betreffe die Verletzlichkeit moderner Infrastrukturen. „Man darf sich nicht allein auf Strom und digitale Netze verlassen.“ Analoge Kommunikationswege müssten ebenso mitgedacht werden wie Szenarien eines längerfristigen Stromausfalls oder eingeschränkter Notstromkapazitäten. Zudem setzt die Gemeinde auf Aufklärung und Eigenvorsorge. Informationsveranstaltungen thematisierten Schutzmaßnahmen, Notfallvorsorge und Versicherungsschutz.
Auch die Erinnerung bleibt sichtbar: Hochwassermarken mit QR-Codes machen bereits an manchen Originalschauplätzen die Dimension des Ereignisses im Ortsbild greifbar. Die Codes führen direkt zu den Bildern der Katastrophe.
„Starkregen kann jede Kommune treffen“, gibt Ahrens anderen Kommunen als Tipp mit. Risikomanagement betreiben, Gefahrenzonen identifizieren, Krisenpläne prüfen empfiehlt er allen Rathäusern. Denn: Entscheidend bleibe die Handlungsfähigkeit. „Untätigkeit ist immer die schlechtere Option.“
Braunsbach – „Building back better“
Was Rudersberg noch in Teilen vor sich hat, kennt die Gemeinde Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall nur zu gut. Dort zeigte sich bereits im Mai 2016, welche zerstörerische Kraft extreme Wetterereignisse innerhalb kürzester Zeit entfalten können. Nach heftigen Regenfällen verwandelten sich die sonst unscheinbaren Wasserläufe, die hier auf der Gemarkung von der Hohenloher Ebene hinunterfließen, in reißende Ströme. Eine Sturzflut schoss durch den Ort, riss Fahrzeuge mit sich, zerstörte Gebäude, Straßen und Brücken – und machte Braunsbach über Nacht zum Synonym für eine Naturkatastrophe, die sich tief ins Gedächtnis des Landes eingebrannt hat.
„Die Sturzflut im Mai 2016 hat Braunsbach in einem Ausmaß getroffen, das sich viele bis dahin kaum vorstellen konnten“, sagt Bürgermeister David Beck rückblickend. Umso entscheidender sei das damalige Signal aus Stuttgart gewesen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte der Gemeinde schnelle und umfassende Unterstützung zugesichert – und sich früh persönlich vor Ort ein Bild der Lage gemacht. „Das Versprechen der Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg wurde eingelöst“, betont Beck. Besonders hebt der Bürgermeister die finanzielle Dimension hervor: „Viele Maßnahmen im Zuge des Wiederaufbaus konnten vollständig gefördert werden.“ Selbst der sonst übliche kommunale Eigenanteil sei über eine Sonderlinie – die „Unwetterhilfe Braunsbach“ – übernommen worden. „Ohne diese Entscheidung wäre der Wiederaufbau für eine Gemeinde unserer Größe schlicht nicht leistbar gewesen.“ Braunsbach zählt rund 2.400 Einwohnerinnen und Einwohner.
Was Naturgewalten anrichten können, zeigte sich 2016 in Braunsbach: Sturzfluten rollten von der Hohenloher Ebene ins Tal und richteten verheerende Schäden an. Foto: Gemeinde Braunsbach
Widerstandsfähiger Wiederaufbau
Den erfolgreichen Wiederaufbau führt Beck jedoch nicht allein auf staatliche Hilfen zurück. Er würdigt ausdrücklich das Engagement des damaligen Bürgermeisters Frank Harsch, der Gemeindeverwaltung und der Bevölkerung sowie die enge Zusammenarbeit mit den übergeordneten Behörden. „Dieses Zusammenspiel war ein zentraler Erfolgsfaktor.“ Aus der Katastrophe zog die Gemeinde weitreichende Konsequenzen. Rund 40 Projekte seien seither umgesetzt oder angestoßen worden. „Für uns galt von Anfang an der Grundsatz ‚Building back better‘“, erklärt Beck. Zerstörte Infrastruktur sei nicht einfach ersetzt, sondern gezielt widerstandsfähiger gemacht worden.
Dazu zählen unter anderem der gebirgsbachartige Ausbau der Gewässer, der Bau von Geröllfängen sowie größer dimensionierte Abwasseranlagen und der verstärkte Einsatz von Trennsystemen. Auch bei Standort- und Infrastrukturentscheidungen spiele Resilienz heute eine zentrale Rolle, etwa bei Feuerwehrgebäuden. In besonders gefährdeten Bereichen habe man zudem punktuelle bauliche Anpassungen vorgenommen – von erhöhten Lichtschächten bis zum Zurückversetzen einzelner Gebäude. Flankiert werde dieser Ansatz durch ein Klimaschutzkonzept, das ausdrücklich auch Fragen der Klimaanpassung einbeziehe.
Das Ereignis in Braunsbach hat damals landesweit zu einem Umdenken beigetragen. Baden-Württemberg sei heute „insgesamt besser aufgestellt als noch vor zehn Jahren“, sagt Beck. Aus kommunaler Sicht bleibe jedoch weiterer Unterstützungsbedarf – insbesondere bei Planungssicherheit, verlässlichen Förderstrukturen sowie personeller und fachlicher Begleitung kleinerer Gemeinden. „Geschwindigkeit ist im Ernstfall ein entscheidender Faktor.“
Vorsorge, Erinnerung und Gemeinschaft
Eine zentrale Lehre aus Braunsbach lautet für Beck: Vorsorge müsse erfolgen, bevor etwas passiert. Kommunen sollten Gefahrenanalysen ernst nehmen, kritische Infrastrukturen widerstandsfähig auslegen, Krisenstrukturen regelmäßig überprüfen und die Bevölkerung aktiv einbeziehen. In Braunsbach habe sich nach der Flut eine starke Bürgerinitiative gebildet, die den Wiederaufbau mitgestaltete. „Dieses Gemeinschaftsgefühl war ein zentraler Baustein der Bewältigung.“
Auch die Erinnerungskultur spiele dabei eine wichtige Rolle. Im Ortskern erinnert heute eine Erinnerungsstätte an die schrecklichen Ereignisse. Die Diskussion darüber sei durchaus kontrovers gewesen, räumt Beck ein. Dennoch halte er den Ort für unverzichtbar: „Er ist Mahnung und Lernort zugleich.“ Braunsbach sei heute für viele Kommunen ein Beispiel dafür, wie Gemeinden mit Extremereignissen umgehen können. „Wir hätten uns diese Rolle nicht ausgesucht, aber wir geben unsere Erfahrungen weiter.“ Diese seien, so Beck, heute weit über die Region hinaus von Interesse. „Katastrophen lassen sich nicht immer verhindern. Aber wir können viel dafür tun, ihre Auswirkungen zu begrenzen und unsere Gemeinden widerstandsfähiger zu machen.“
Vom Katastrophengebiet zum Vorzeigeprojekt: In Braunsbach wurde nach den Zerstörungen von 2016 der Ortskern vollständig wiederhergestellt. Eine Erinnerungsstätte hält das Bewusstsein für Gefahren wach. Fotos: Gemeinde Braunsbach