„Mit begrenzten Mitteln müssen wir maximale Wirkung erzielen.“
Der Druck auf die Kommunen in Baden-Württemberg, die Schulinfrastruktur zu erneuern, wächst. Eine aktuelle Befragung im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) zeigt, 69 Prozent der Schulleitungen berichten von akut notwendigen Sanierungsmaßnahmen. Gleichzeitig fehlen vielerorts Mittel: 70 Prozent geben an, dass für Sanierungen oder räumliche Anpassungen keine ausreichenden Investitionsmittel zur Verfügung stehen.
Die Herausforderungen gehen oft über eine reine Instandsetzung hinaus. Drei Viertel (74 Prozent) sehen einen zusätzlichen Bedarf an räumlichen Veränderungen – etwa für Differenzierung, Kleingruppenarbeit oder Rückzugsmöglichkeiten. Wie kann es also gelingen, dass im Land Schulgebäude pädagogisch mit Ganztag, Inklusion und neuen Lernformen Schritt halten? die:gemeinde hat mit der Architektin und Bildungsbauexpertin Barbara Pampe darüber gesprochen, welche Anforderungen zeitgemäße Schulen erfüllen sollten – und wie Kommunen trotz knapper Haushalte notwendige Sanierungen und Umbauten realisieren können.
die:gemeinde: Der bauliche Zustand vieler Schulgebäude gilt als problematisch. Wie gravierend ist die Situation und wird sie Ihrer Ansicht nach politisch ausreichend adressiert?
Barbara Pampe Die Zahlen sprechen ja für sich. Der Investitionsrückstand hat sich in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt – von rund 35 auf inzwischen fast 70 Milliarden Euro. Und das merkt man auch, wenn man in Schulen kommt: Sanitäranlagen sind 50 oder 70 Jahre alt, Fenster funktionieren nicht, es regnet teilweise rein. Der Zustand unserer Bildungsbauten ist vielerorts schlicht schlecht. Dafür gibt es viele Gründe, aber ein wesentlicher ist die langjährige Vernachlässigung von Investitionen. Gleichzeitig ist der Bedarf gestiegen. Wir dachten lange, die Schülerzahlen würden zurückgehen – jetzt erleben wir vor allem in den Städten starkes Wachstum. Das bedeutet: Wir haben nicht nur einen Sanierungsstau, sondern zusätzlich Bedarf an neuen Schulplätzen, während Grundstücke knapp sind.
Politisch wird das Problem inzwischen durchaus wahrgenommen – nicht zuletzt, weil Bildungsinfrastruktur heute auch eines der großen Themen beim Sondervermögen ist. Gleichzeitig konkurriert sie mit anderen dringend notwendigen Investitionen in Infrastruktur. Klar ist aber: Wir brauchen diese Investitionen dringend.
Positiv ist jedoch, dass sich in den letzten Jahren auch viel bewegt hat. Vielen ist bewusst geworden, dass wir Bildungsinfrastruktur anders denken müssen. Schule hat sich verändert: Ganztag, Inklusion, andere Lernformen und Digitalisierung haben den Bildungsauftrag erweitert. Der Auftrag von Schule bleibt, Kinder und Jugendliche auf die Welt von morgen vorzubereiten – aber diese Welt ist eine andere geworden. Und das hat direkte Auswirkungen darauf, wie wir Schulen bauen und sanieren müssen.
Wie sehen zukunftsfähige Schulgebäude denn heute aus?
Barbara Pampe Bei Neubauten hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr viel verändert. Viele Kommunen und Bundesländer haben ihre Standards, Raumprogramme und Leitlinien überarbeitet. Heute entstehen Schulen mit offeneren Strukturen, Cluster- und Lernlandschaften, die deutlich besser zu zeitgemäßen Lernformen passen. In unseren Pilotprojekten wurden beispielsweise Räume nicht mehr nach Klassen, sondern nach Aktivitäten organisiert – mit Bereichen für ruhige Einzelarbeit, Gruppenarbeit und mit transparenten Sichtbeziehungen zwischen den Zonen. So lässt sich vorhandene Fläche effizienter und raumübergreifend nutzen.
Die größere Herausforderung liegt aber künftig im Bestand. Bauen ist einer der großen CO₂-Verursacher. Deshalb sollten wir so wenig wie möglich neu bauen und uns viel stärker mit Umbau und Umnutzung beschäftigen. Ein großes Potenzial sehe ich hier in leerstehenden Büro- oder Handelsimmobilien. Ein Skelettbau eines Bürogebäudes lässt sich oft leichter zu einer zeitgemäßen Schule umbauen als eine klassische Bestandschule mit ihren starren Klassenraumstrukturen. Diese alten Klassenzimmer wurden entworfen für den Frontalunterricht – für Gruppenarbeit, Projektlernen oder Rückzugsmöglichkeiten sind sie jedoch ungeeignet. Entsprechend aufwendig ist es, bestehende Schulen pädagogisch zukunftsfähig umzubauen. Umso wichtiger ist der Blick auf andere Gebäudetypologien, die sich flexibler anpassen lassen.
Gleichzeitig gilt: Wenn Kommunen sanieren, sollten sie nicht nur Dächer reparieren und Fenster austauschen, sondern Schulen gleich so umbauen, dass sie Lernen im 21. Jahrhundert ermöglichen. Entscheidend ist dabei, pädagogische Konzepte und bauliche Planung zusammenzudenken. Dann geht es oft nicht um mehr Fläche, sondern um eine andere Nutzung vorhandener Räume.

Foto: Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft/Magdalena Jooss
Viele Kommunen stehen als Schulträger unter starkem finanziellem Druck. Wie bewerten Sie die aktuellen Rahmenbedingungen in Baden-Württemberg, um die notwendigen Maßnahmen umzusetzen?
Barbara Pampe Die Rahmenbedingungen sind derzeit anspruchsvoll. Es ist grundsätzlich Geld im System – aber es ist nicht unkompliziert, dieses Geld wirksam einzusetzen. Wir haben verschiedene Programme: das Ganztagsausbauprogramm, das Startchancen-Programm mit Mitteln für Bildungsinfrastruktur, dazu das Sondervermögen. Gleichzeitig müssen Kommunen immer einen Eigenanteil leisten. Diese unterschiedlichen Programme müssen klug zusammengedacht werden, um zu wirksamen Ergebnissen zu kommen. Das ist komplex und bindet viele Ressourcen in den Verwaltungen.
Selbst wenn Fördermittel bereitstehen, fehlt oft der Eigenanteil. Gleichzeitig erleben wir das paradoxe Phänomen, dass Mittel teilweise nicht abgerufen werden können. Auf der einen Seite scheint Geld zu fehlen, auf der anderen Seite bleiben Fördermittel liegen – das versteht kaum jemand und zeigt, wie schwierig die aktuellen Rahmenbedingungen sind. Umso wichtiger ist es, mit den vorhandenen Mitteln möglichst viel Wirkung zu erzielen. Das gelingt vor allem, wenn Kommunen Sanierungen nicht nur als technische Instandsetzung begreifen, sondern pädagogische Entwicklung und bauliche Planung zusammendenken. Unsere Erfahrung aus Pilotprojekten zeigt: Wenn Schulen gemeinsam mit Verwaltung und Ganztagspersonal neue Nutzungskonzepte entwickeln, lassen sich teure Anbauten vermeiden und Umbauten deutlich wirtschaftlicher realisieren.
Zugleich müssen wir unsere Baustandards kritisch hinterfragen. Schulbauten sind extrem teuer geworden, weil viele technische Vorgaben erfüllt werden müssen. Wenn wir Standards prüfen und uns fragen, was wirklich pädagogischen Mehrwert hat, können wir Technik reduzieren, damit Baukosten senken und trotzdem hochwertige Lernräume schaffen. Das ist ein wichtiger Schlüssel, um unter den aktuellen finanziellen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Wie könnte das konkret aussehen?
Barbara Pampe Schulbauten sind heute extrem teuer, weil zahlreiche technische Vorgaben, DIN-Normen und Ausstattungsstandards erfüllt werden müssen – oft ohne echten pädagogischen Mehrwert. Deshalb brauchen wir ein stärkeres Nachdenken über einfacheres Bauen. Der Diskurs um den Gebäudetyp E zeigt, dass sich Standards reduzieren lassen, ohne Qualität zu verlieren. Diesen Ansatz müssen wir auch auf den Schulbau übertragen.
Ein Beispiel sind raumlufttechnische Anlagen, die einen großen Anteil der Baukosten ausmachen. In unseren Pilotprojekten haben wir bewusst diese auf ein Minimum reduziert und stattdessen natürliche Lüftung vorgesehen. Das funktioniert technisch zuverlässig und hat sogar einen pädagogischen Effekt: Kinder lernen, Verantwortung für das Raumklima zu übernehmen. Statt in teure Technik sollten wir dort investieren, wo es für das Lernen wirklich einen Unterschied macht – etwa in hochwertige Materialien wie Holzböden, die Atmosphäre schaffen und Arbeiten auf dem Boden ermöglichen.
Viele Standards beruhen zudem auf einer Vorstellung von Schule, die heute nicht mehr zeitgemäß ist. Wenn wir sie kritisch hinterfragen und überarbeiten oder gar weglassen, kann Schulbau wieder bezahlbar und zugleich qualitativ hochwertig werden.

Sie haben Pilotprojekte genannt. Welche Beispiele für zukunftsfähige Neubauten oder Sanierungen gibt es hier?
Barbara Pampe Ein konkretes Beispiel für einen Neubau aus unseren Projekten ist die staatliche Gemeinschaftsschule in Weimar, die im Rahmen von „Schulbau Open Source“ entstanden ist. Dort wurde bewusst einfach gebaut, Standards wurden hinterfragt und auf aufwendige Technik verzichtet. Die komplette Planung ist öffentlich zugänglich, sodass andere Kommunen diese Lösungen nachvollziehen und für sich übernehmen können. Im Bereich Sanierung und Umbau haben wir fünf Pilotprojekte durchgeführt. Auslöser für diese Projekte war der kommende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Uns war klar: Weder finanziell noch räumlich können Kommunen überall anbauen oder neu bauen. Deshalb haben wir gezielt „minimalinvasive Umbauten“ im Bestand erprobt. Grundlage war jeweils ein pädagogischer Entwicklungsprozess mit Lehrkräften, Ganztagspersonal, Schulleitung, Schülerinnen und Schüler sowie Verwaltung. So konnten vorhandene Flächen effizient genutzt und teure Anbauten vermieden werden. Ein Beispiel in Baden-Württemberg ist eine Grundschule in Ulm, bei der durch neue Nutzungskonzepte und gezielte Umbauten ein kindgerechter Ganztag und zeitgemäßes Lernen ermöglicht wurden – ohne zusätzliche Flächen zu schaffen. Ein weiteres, aktuelles Pilotprojekt ist der Umbau eines ehemaligen Siemens-Nixdorf-Gebäudes in Nürnberg zu einer Berufsschule. Dort ist der Ansatz, dass leerstehende Büroimmobilien mit Skelettstruktur einfacher in zeitgemäße Schulen umzuwandeln sind als klassische Bestandsgebäude. Diese Projekte zeigen, dass sowohl Neubau als auch Sanierung zukunftsfähig, nachhaltig und finanzierbar gelingen können.
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Die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft engagiert sich für den Schulbau und Schulraumentwicklung. Sie arbeitet dabei mit Kommunen, Schulen, Architektinnen und Architekten sowie Fachleuten zusammen, um Wissen und Lösungen für einen zeitgemäßen und leistungsfähigen Schulbau bereitzustellen. Weitere Informationen finden Sie unter https://www.montag-stiftungen.de/montag-stiftung-jugend-und-gesellschaft
Schulbau Open Source ist eine offene Online-Plattform mit vollständigen Planungsunterlagen, Prozesswissen und Projektstorys aus innovativen Schulbau-Pilotprojekten. Sie ist abrufbar unter https://schulbauopensource.de/
