Wildbiene auf gelb blühendem Rainfarn
Wildpflanzen auf öffentlichen Grünflächen kommen besser mit den Folgen des Klimawandels zurecht und bieten Nahrung für Insekten und andere Tiere.
© Hier und ff. Adobe Stock, Robert Pfeifle, Mathias Schäf, Hannes Schweikhardt

Mehr Biodiversität in der Siedlung

13. Mai 2026
Bei Städten und Gemeinden liegen starke Hebel für die Förderung der Biodiversität, betont Katja Wörner in ihrem Gastbeitrag. Sie stellt das neue Projekt „Mensch.Natur – natürlich.zusammen.leben“ vor. Mit ihm unterstützt der NABU Baden-Württemberg Kommunen und andere Akteure dabei, mehr Natur in die Siedlungsräume zu holen.

Stadtnatur wirkt sich nachweislich positiv auf die physische und psychische Gesundheit der Menschen vor Ort aus und trägt außerdem zum sozialen Zusammenhalt bei. Doch nicht nur Menschen profitieren vom urbanen Grün: Für Tiere und Pflanzen werden Siedlungsräume immer wichtigere Refugien, wenn Lebensräume in der freien Landschaft verschwinden.

Einmal angestoßen, kann Biodiversität zum Querschnittsthema im kommunalen Handeln werden. Dann werden zum Beispiel Vögel und Fledermäuse, die an Gebäuden nisten, selbstverständlich berücksichtigt, wenn das Hochbauamt eine Sanierung plant. Große Glasflächen bei Neubauprojekten werden gegen Vogelschlag gesichert oder gar nicht erst umgesetzt. Nach dem Schwammstadt-Prinzip darf Regenwasser auf Retentionsflächen versickern, auf denen heimische Wildpflanzen wachsen.

Hummel auf einer violett blühenden Steppen-Salbei-Pflanze

Blühende Wildpflanzen bieten Hummeln und anderen Insekten wertvolle Nahrung. Fotos: Adobe Stock, Robert Pfeifle, Mathias Schäf, Hannes Schweikhardt

Förderprogramme und Synergieeffekte

Wie kann das gelingen? In Zeiten klammer kommunaler Kassen muss sich die Biodiversitätsförderung gegen andere freiwillige Aufgaben behaupten. In einer Befragung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) von 2025 gaben 86 Prozent von 289 befragten Kommunen „unzureichende Haushaltsmittel“ als größte Herausforderung bei der Umsetzung von Biodiversitätsmaßnahmen an.

Kommunale Entscheidungsträgerinnen und -träger müssen sich unter Umständen die Frage stellen lassen, ob Insekten wichtiger sind als Kindergartenkinder. Da gilt sowohl als auch: Für eine generationengerechte Zukunft ist der Schutz der biologischen Vielfalt unerlässlich.

Es gibt bereits verschiedene Fördertöpfe für Kommunen. Städte und Gemeinden können beispielsweise seit 2016 mit dem NABU-Projekt „Natur nah dran“ einen Teil ihrer Grünflächen naturnah anlegen und bekommen Schulungen zur langfristigen Pflege für die kommunalen Mitarbeitenden. Zehn Prozent der Kommunen im Land haben diese Möglichkeit bereits genutzt. Das Bundesumweltministerium fördert seit 2024 mit dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz unter anderem Konzepte und Maßnahmen für ein biodiversitätsfreundliches Grünflächenmanagement.

Bunte Wildblumenwiese mit Mohn und Kornblumen

Naturnahe Wildblumenwiesen verbinden ökologische Vielfalt mit einem attraktiven Erscheinungsbild.

Hinzu kommt, dass Kommunen langfristig durch die naturnahe Pflege von Grünflächen Geld sparen können. Denn im Sommer müssen heimische Wildpflanzen nicht gegossen werden und es fällt weniger Aufwand für die Pflege an, wenn eine Fläche statt alle vier Wochen nur noch ein bis zwei Mal pro Jahr gemäht wird. Eine Studie im hessischen Riedstadt belegt signifikante Einsparungen, die durch Wiesenmahd erzielt werden können.

Bei Bauprojekten eilt Artenschutzmaßnahmen der Ruf voraus, sie würden verhindern und verlangsamen. Laut Bundesnaturschutzgesetz ist es aber verboten, Lebensstätten von Tieren zu entfernen oder zu zerstören. Werden Artenschutz-Fachleute frühzeitig eingebunden, wenn zum Beispiel Schwalben an einer Fassade nisten, können Arbeiten artenschutzverträglich und rechtssicher außerhalb der Brutzeiträume stattfinden.

Auch von Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels können Kommunen mehrfach profitieren. So lassen sich mit gut umgesetzten Gebäudebegrünungen Heiz- und Klimatisierungskosten einsparen und gleichzeitig Lebensraum für Vögel und Insekten schaffen. Gewässerrenaturierungen dienen nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern auch Amphibien und anderen Tieren.

Naturnahe öffentliche Grünfläche mit Königskerze im Siedlungsraum

Naturnahe öffentliche Grünflächen stärken die Biodiversität direkt im Siedlungsraum.

Gesucht! Praxisbeispiele für Biodiversitätsförderung in der kommunalen Klimaanpassung

Sie setzen bei Ihren Konzepten oder Maßnahmen zur Klimaanpassung bereits auf Biodiversität? Zum Beispiel wenn durch Gebäudebegrünung oder die Renaturierung von Gewässern Lebensräume entstehen. Oder wenn auf Entsiegelung naturnahe Begrünung folgt. Wir suchen gute Beispiele aus der Praxis und freuen uns, von Ihnen zu hören.

Kontakt und weitere Informationen unter https://is.gd/eoCNfM

„Mensch.Natur – natürlich.zusammen.leben.“

In den letzten Jahren ist schon viel passiert und es gibt Rückenwind aus der Bevölkerung. In der KfW-Befragung gaben über 80 Prozent der Kommunen an, bereits Haushaltsmittel für Biodiversitätsförderung aufgewendet zu haben. Laut der Naturbewusstseinsstudie des Bundesamts für Naturschutz von 2023 sind 65 Prozent der Befragten der Meinung, „zu einem guten Leben gehört die Natur dazu“.

Um diese Entwicklung weiter zu unterstützen und mehr biologische Vielfalt in Städte und Gemeinden, Kirchengemeinden und Gärten sowie an öffentliche und kirchliche Gebäude zu bringen, hat der NABU Baden-Württemberg das Projekt „Mensch.Natur“ initiiert. Es wird durch das Bundesprogramm Biologische Vielfalt gefördert vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg.

Gemeinsam mit Gemeindetag und Städtetag Baden-Württemberg sowie weiteren Kooperationspartnern entwickelt das Projektteam Angebote, um zu sensibilisieren, Verantwortliche zu schulen und Schutzmaßnahmen umzusetzen. Neben kommunalen Mitarbeitenden richtet sich das Projekt schwerpunktmäßig an Garten- und Landschaftsbäuerinnen und -bauer, Energieberaterinnen und Energieberater sowie Architektinnen und Architekten bei den Kirchen. In der Laufzeit von 2025 bis 2031 werden drei Themenbereiche bearbeitet: Biodiversität in Gärten und auf Außenflächen, Artenschutz an Gebäuden sowie Biodiversität in der kommunalen Klimaanpassung.

Fortbildungen und Unterstützung

Kommunen sind nicht nur zentrale Handelnde in der Biodiversitätsförderung, sondern auch wichtige Multiplikatoren. „Mit ‚Mensch.Natur‘ unterstützen wir Sie mit einer breiten Angebotspalette dabei, das Thema ressourceneffizient anzugehen.“ Aber das ist keine Einbahnstraße: Denn das Projekt lebt von den Erfahrungen aus der Praxis. So bieten Diskursveranstaltungen und Quartiersspaziergänge eine Plattform für kommunale Stimmen.

Mithilfe von Best-Practice-Beispielen und Handlungsempfehlungen aus dem Projekt können Kommunen Biodiversität in ihren Klimaanpassungskonzepten verankern. In Schulungen erhalten Beschäftigte, die in der Siedlungsentwicklung oder im Gebäudemanagement tätig sind, rechtssichere und praxisnahe Informationen.

Es werden Kartierungen, Potenzialanalysen und Artenschutzmaßnahmen für 200 kommunale Gebäude vergeben. Vereine sowie Altenpflege- und Bildungseinrichtungen, auch in kommunaler Trägerschaft, haben die Möglichkeit, sich ab 2027 für Naturgartenberatungen zu bewerben und werden bei der Umsetzung der Maßnahmen unterstützt.

Holzgebäude mit Vorrichtungen für Artenschutz unter dem Dach

Nistquartiere für Fledermäuse gleichen den Mangel an natürlichen Lebensräumen aus.

Mit Hopfen begrünte Holzfassade

Eine bodengebundene Fassadenbegrünung, zum Beispiel mit Hopfen, sorgt für Beschattung und kommt ohne zusätzliche Bewässerung aus.

„Mensch.Natur“ geht jedoch weit über die lokale Ebene hinaus: Durch bundesweite Fachveranstaltungen können sich Akteure aus ganz Deutschland vernetzen und Erfahrungen austauschen. Formate zur Kommunikation und Wissensvermittlung sprechen ein breites Publikum an und tragen dazu bei, dass vorbildliche Ansätze länderübergreifend in die Fläche getragen werden.

Gemeinsam durchs Gartenjahr

Mit einer kostenfreien monatlichen Webinarreihe informiert das Projekt „Mensch.Natur“ Gartenbegeisterte darüber, wie man im eigenen Garten die biologische Vielfalt unterstützen kann. Der Einstieg ist zu jedem Termin möglich.

Weitere Informationen unter https://is.gd/fzXMTH

Rauchschwalbe auf einem Draht

Eine Rauchschwalbe steht beispielhaft für die Artenvielfalt, die das Projekt „Mensch.Natur“ auch in Siedlungsräumen fördern möchte.

Autorin

Porträt von Katja Wörner

Katja Wörner ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim NABU Baden-Württemberg.