Medikamente per Terminal
Reute-Gaisbeuren, ein Stadtteil von Bad Waldsee mit rund 4.400 Einwohnerinnen und Einwohnern, teilt ein Problem vieler ländlicher Gemeinden: Trotz Arztpraxis fehlt vor Ort eine Apotheke. Wer ein Rezept einlösen oder Medikamente besorgen will, muss in umliegende Orte fahren. Gerade für ältere oder weniger mobile Menschen wird das schnell zum Problem. In Reute-Gaisbeuren versucht man deshalb nun einen pragmatischen Ansatz.

Medikamente direkt aus der Apotheke zu bekommen, wird immer schwieriger: Seit 2010 hat Deutschland laut Apothekerverband rund 3.000 Apotheken verloren. Besonders ländliche Regionen sind betroffen. Wirtschaftlicher Druck, Nachfolge- und Fachkräftemangel sind oft die Gründe. Was bleibt, sind lange Wege für Menschen, die auf eine schnelle Medikamentenversorgung angewiesen sind. Ländliche Kommunen suchen daher nach neuen Konzepten, die eine Versorgung sicherstellen.
Im Vorraum eines Netto-Markts wurde Anfang 2026 ein digitales Arzneimittel-Terminal eingerichtet. Dort können Bürgerinnen und Bürger E-Rezepte ebenso wie klassische Papierrezepte einreichen und apothekenpflichtige Medikamente bestellen. Die Daten werden digital an die Beckersche Apotheke in Bad Waldsee übermittelt. Anschließend liefert der apothekeneigene Botendienst die Medikamente direkt nach Hause.
Aus Sicht der Stadt Bad Waldsee schließt das Angebot eine konkrete Versorgungslücke. Pressesprecherin Brigitte Göppel spricht gegenüber die:gemeinde von einer „großen Bereicherung für die Ortschaft“.
Idee aus der Praxis
Bemerkenswert ist dabei vor allem, woher die Initiative kam: nicht aus der Verwaltung, sondern aus der Apotheke selbst. Wie Göppel mitteilt, trat Apotheker Florian Becker bereits im Februar 2025 mit dem Vorhaben an die Ortschaft heran. Hintergrund war auch ein Wunsch aus dem örtlichen Dorfentwicklungskonzept: die Verbesserung der Apothekenversorgung vor Ort.
Die Kommune unterstützte das Projekt anschließend vor allem organisatorisch. Möglich wurde die Umsetzung über das Förderprogramm „Regionalbudget für Kleinprojekte“. Die Stadt beteiligte sich mit einer kommunalen Kofinanzierung in Höhe von zehn Prozent der Projektkosten und begleitete die Abstimmungen mit der Regionalentwicklung Mittleres Oberschwaben (REMO).
Nach Angaben Göppels war insbesondere das Förderverfahren eine Herausforderung. Zwischen der ersten Vorstellung des Projekts und dem Ende der Antragsfrist lagen nur wenige Wochen. Entsprechend schnell mussten Abstimmungen organisiert und Unterlagen vorbereitet werden. Unterstützung kam dabei auch aus der Ortschaft selbst. So half Ortsvorsteher Achim Strobel laut Göppel unter anderem bei der Standortabstimmung mit örtlichen Partnern.
Eine Art Apotheken-Außenstelle
Technisch funktioniert das Modell vergleichsweise einfach. Das Terminal übernimmt im Alltag gewissermaßen die Funktion einer kleinen Außenstelle der Apotheke. Nutzerinnen und Nutzer können dort ihre Rezepte einreichen oder Medikamente bestellen, ohne persönlich in die Apotheke fahren zu müssen.

Wenn die Apotheke fehlt, helfen kreative Lösungen: In Bad Waldsee gibt es nun einen Medikamentenautomaten im Discounter – barrierefrei und alltagsnah erreichbar.
Gerade angesichts des demografischen Wandels und der zunehmenden Ausdünnung der Gesundheitsversorgung im Ländlichen Raum könnten solche Modelle künftig an Bedeutung gewinnen. Das Problem ist real: Nach Angaben der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg mussten allein im Jahr 2025 landesweit 66 Apotheken dauerhaft schließen. Zum Jahresende gab es im Land noch 2.087 Apotheken – fast ein Viertel weniger als noch vor 15 Jahren.
Der Standort in Reute-Gaisbeuren wurde bewusst zentral gewählt: direkt im Vorraum eines Supermarkts, barrierefrei und gut erreichbar. Damit soll das Angebot möglichst niedrigschwellig funktionieren. Die Stadt sieht ihre Rolle vor allem darin, solche Lösungen zu ermöglichen und zu begleiten. Die operative Umsetzung und der laufende Betrieb lagen dagegen vollständig beim Projektträger beziehungsweise bei der Apotheke.
Modell für andere Kommunen?
Noch ist offen, wie stark das Angebot langfristig genutzt wird. Eigene Auswertungen zur Akzeptanz liegen der Stadt bislang nicht vor. Dennoch zeigt das Projekt, wie Kommunen gemeinsam mit lokalen Akteuren auf Versorgungslücken reagieren können – ohne sofort neue Infrastruktur schaffen zu müssen.
Für andere Städte und Gemeinden dürfte dabei vor allem der kooperative Ansatz interessant sein: Eine private Initiative greift einen Bedarf aus der Dorfentwicklung auf, die Kommune unterstützt bei Förderung und Abstimmung, regionale Fördermittel helfen bei der Umsetzung.
Reute-Gaisbeuren versteht sich dabei nicht als fertige Blaupause, sondern eher als praktischer Versuch, Versorgung vor Ort neu zu organisieren.