Starkes Niederschlagsgeschehen führte 2021 in Daugendorf bei Riedlingen zu einem Donauhochwasser. Teile einer Straße wurden dabei von den Wassermassen zerstört – ein Beispiel für die Dynamik extremer Ereignisse.
Starkes Niederschlagsgeschehen führte 2021 in Daugendorf bei Riedlingen zu einem Donauhochwasser. Teile einer Straße wurden dabei von den Wassermassen zerstört – ein Beispiel für die Dynamik extremer Ereignisse.
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„Klimarisiken werden noch häufig unterschätzt“

Extremwetterereignisse wie Hitzeperioden und Starkregen stellen Städte und Gemeinden zunehmend vor neue Herausforderungen. Welche Risiken sich daraus ergeben und warum Klimaresilienz stärker in Planungs- und Standortentscheidungen berücksichtigt werden sollte, erklärt Jörn Birkmann im Interview mit die:gemeinde.

In den vergangenen Jahren nehmen Klimaextreme auch in Baden-Württemberg spürbar zu. Wie sich diese Entwicklungen konkret auswirken und welche Konsequenzen sich daraus für Planung und Risikovorsorge ergeben, dafür gilt Jörn Birkmann weltweit als wichtiger Experte. Er ist Professor für Raumordnung und Entwicklungsplanung an der Universität Stuttgart und unter anderem Mitwirkender an Berichten des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC). Birkmann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels sowie der Frage, wie sich Infrastrukturen widerstandsfähiger gestalten lassen.

die:gemeinde Lieber Herr Birkmann, wie gefährdet ist Baden-Württemberg mit Blick auf klimatische Entwicklungen? Gibt es besonders betroffene Regionen? 

Jörn Birkmann Relevant ist hier durchaus das Thema Hitze. Besonders betroffen sind städtische Räume, da versiegelte Flächen Wärme stark speichern und die nächtliche Abkühlung erschweren. In Baden-Württemberg wird es entlang der Rheinebene – von Mannheim über Karlsruhe, Offenburg und Freiburg bis Lörrach – deutlich heißer werden. Auch der Großraum Stuttgart ist stark hitzebelastet, unter anderem aufgrund dichter Bebauung und teilweise windarmer Lagen. Wir beobachten bereits einen deutlichen Anstieg heißer Tage und die Klimamodelle zeigen, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird. 

Hinzu kommt ein demografischer Aspekt. Der Anteil hochbetagter Menschen, die besonders empfindlich auf thermische Belastungen reagiert, hat deutlich zugenommen. Im Ländle hat sich die Zahl der hochgetagten Menschen – 80 Jahre und älter – seit 2000 verdoppelt. Anpassungsstrategien müssen daher den Gesundheitsschutz und die Sicherung guter Lebensverhältnisse berücksichtigen. 

Neben Hitze gibt es die Gefahr von Starkregenereignissen. Baden-Württemberg weist viele Mittelgebirgsregionen und Tallagen auf, in denen sich solche Ereignisse besonders dynamisch auswirken können. Hochwasser entlang großer Flüsse ist seit Langem bekannt. Dort ist man vergleichsweise gut vorbereitet, weil bereits viel gemacht wurde. Starkregen ist jedoch auch abseits der Flusssysteme ein Thema.

Jörn Birkmann ist Professor für Raum- und Entwicklungsplanung an der Universität Stuttgart und international ausgewiesener Experte für Klimarisiken.
Jörn Birkmann ist Professor für Raum- und Entwicklungsplanung an der Universität Stuttgart und international ausgewiesener Experte für Klimarisiken.

Starkregen kann jede Kommune betreffen – auch Orte, die sich vermeintlich auf der sicheren Höhe wähnen, richtig? 

Genau, man kann sich das bildlich wie einen Duschkopf vorstellen: Niederschläge treten lokal und extrem intensiv auf. Natürlich fließt das Wasser in die Niederungen und sammelt sich dort. Problematisch sind aber gerade kleinere Gewässer oder Bäche, die früher nicht im Hochwasserfokus standen und die blitzschnell anschwellen können, wie man das etwa in Ruderberg oder Braunsbach gesehen hat (siehe auch Seite 54). 

Rund die Hälfte der Kommunen im Land verfügt laut Umweltministerium bislang über ein „Starkregenmanagement“. Wäre ein flächendeckender Ansatz also sinnvoll?

Viele Kommunen nutzen in diesem Zusammenhang inzwischen Starkregengefahrenkarten – ein wichtiger erster Schritt. Entscheidend ist jedoch die Anwendung. Karten allein reduzieren kein Risiko. Sie müssen in Planungs- und Entscheidungsprozesse einfließen, etwa bei Bauleitplanung, Infrastrukturplanung und Maßnahmen des Bevölkerungsschutzes.

Wie kann kommunale Risikovorsorge konkret aussehen? 

Ein zentraler Ansatz ist beispielsweise das Schwammstadt-Prinzip, die Wasser vor Ort hält, Versickerung fördert und durch Begrünung sowie Verschattung zugleich zur Hitzevorsorge beitragen kann. In stark versiegelten Siedlungsräumen können solche Maßnahmen Belastungen durch Starkregen und Hitze mindern. Bei extremen Ereignissen stoßen jedoch diese Konzepte an Grenzen. Dann stellt sich die Frage, wie Wasser kontrolliert und möglichst schadarm durch Wohn- und Gewerbegebiete oder Parkanlagen geleitet werden kann. Dabei spielt die Topografie eine wichtige Rolle. In stark bewegten Landschaftsräumen entstehen hohe Fließgeschwindigkeiten. Dahingehend geht es nicht nur um die Frage, wo sich Wasser staut, sondern auch darum, welche Straßen oder Verkehrswege bei einem Starkregenereignis plötzlich nicht mehr nutzbar sind.

Besonders sensibel sind hier kritische Infrastrukturen. Bei Krankenhäusern reicht es etwa nicht aus, nur das Gebäude zu sichern. Auch Zufahrten und Erreichbarkeit müssen im Ereignisfall funktionieren. Ähnliche Herausforderungen bestehen bei Feuerwehrstandorten oder Einrichtungen der Energieversorgung. Diese befinden sich heute nicht selten in potenziell überflutungsgefährdeten Bereichen oder Tallagen. Dies kann im Ereignisfall die Funktionsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.

Wird risikosensible Raumplanung denn mittlerweile ausreichend berücksichtigt?

Das Thema wird heute deutlich ernster genommen als noch vor einigen Jahren. In der Praxis zeigt sich aber, dass Klimarisiken noch nicht überall selbstverständlich in Planungsentscheidungen einfließen. Selbst bei aktuellen Neubauvorhaben werden teils Standorte gewählt, die laut Starkregengefahrenkarten als exponiert gelten. Hier wäre eine konsequentere Risikoabwägung notwendig. Bei langfristigen Infrastruktur- und Standortentscheidungen ist das schon problematisch. Gerade vor dem Hintergrund der sehr hohen Investitionen, etwa im Krankenhausbau, wäre eine Berücksichtigung solcher Risiken sinnvoll. Mit der zunehmenden Digitalisierung gewinnt das Thema zusätzlich an Bedeutung. Große Rechenzentren und vergleichbare Infrastrukturen werden immer wichtiger. Wenn solche Einrichtungen in potenziell überflutungsgefährdeten Bereichen liegen – oder auch in stark hitzebelasteten Lagen –, kann das erhebliche Folgen für die Betriebsstabilität haben.

Ähnliche Herausforderungen sehen wir bei Feuerwehrstandorten und Einrichtungen der Energieversorgung. Umspannwerke oder zentrale Versorgungseinrichtungen befinden sich häufig in Tallagen und sind bei Starkregen entsprechend anfällig. Kommt es dort zu Ausfällen, sind die Auswirkungen schnell weitreichend.

Stärker darauf zu achten, wäre auch in wirtschaftlicher Hinsicht sinnvoll, oder? 

Ja, die Folgen von Schadensereignissen können erheblich sein – das zeigt sich beispielsweise in den vergleichsweise kleinen Gemeinden, die in Baden-Württemberg schon durch Starkregen oder Hochwasser betroffen waren. Wenn bei einem einzelnen Ereignis Schäden in dreistelliger Millionenhöhe entstehen, wird deutlich, dass Vorsorgemaßnahmen mittel- und langfristig die wirtschaftlichere Alternative sind. Eine hochwassersicheres Kellerfenster kostet heute zwischen 200 und 1000 Euro, ein MRT-Gerät in einem Krankenhaus im OP im Keller kostet 1 bis 3 Millionen Euro. Da sollte man nicht an der falschen Stelle sparen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich durchaus die Frage, warum risikosensible Bauweisen nicht konsequenter umgesetzt werden. Technisch wäre es etwa möglich, besonders sensible Einrichtungen wie Feuerwehren aufgeständert zu errichten, um sie gegenüber Überflutungen robuster zu machen.

Zunehmende Hitzebelastungen infolge des Klimawandels können für ältere Menschen ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen.
Zunehmende Hitzebelastungen infolge des Klimawandels können für ältere Menschen ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen.

Wie bewerten Sie die Unterstützung von Bund und Ländern für die kommunale Klimarisikovorsorge – auch mit Blick auf die hohen Präventionskosten?

Positiv ist zunächst, dass auf Bundes- und Landesebene inzwischen klare gesetzliche Rahmenbedingungen für Anpassung bestehen. In Baden-Württemberg schafft das Klimawandelanpassungsgesetz eine wichtige Grundlage, weil es die systematische Auseinandersetzung mit Klimarisiken stärkt und die Entwicklung von Risikoanalysen sowie Anpassungskonzepten einfordert.

In der praktischen Umsetzung bleiben die Herausforderungen jedoch groß. Präventive Maßnahmen sind oft mit zusätzlichen Investitionen verbunden, während viele kommunale Haushalte stark angespannt sind. Förderprogramme von Bund und Ländern sind daher von zentraler Bedeutung, insbesondere bei größeren Infrastruktur- oder Stadtumbauprojekten. Auch bei Kosten-Nutzen-Analysen für größere Infrastrukturprojekte sollte die Risikovorsorge und Anpassung ein Teilelement werden.

Risikobewusstsein gilt als wichtiger Baustein der Krisenvorsorge. Was können Kommunen tun, um die Bevölkerung besser für Naturgefahren zu sensibilisieren? 

Ein zentraler Punkt ist hier sicher das Verhalten im Ereignisfall. Risiken werden häufig unterschätzt – gerade bei Starkregen können sich scheinbar harmlose Situationen sehr schnell zuspitzen. Problematisch wird es etwa dann, wenn Menschen versuchen, während des Ereignisses in ihre Keller zu gehen, Unterführungen zu durchfahren oder Fahrzeuge aus Tiefgaragen zu holen. Solche Reaktionen bergen erhebliche Gefahren.

Risikokompetenz bedeutet daher auch, Gefahrenlagen richtig einzuschätzen und das eigene Verhalten anzupassen. Kommunen können hierzu beitragen, indem sie Risiken transparenter machen und vorhandene Informationen leichter zugänglich gestalten. Sinnvoll wäre es beispielsweise, bereits beim Kauf eines Grundstücks oder einer Immobilie auf Starkregen- oder Hochwasserrisiken hinzuweisen. Entsprechende Daten liegen vielfach vor, sind für Bürgerinnen und Bürger jedoch oft schwer auffindbar.

Inzwischen gibt es digitale Instrumente, mit denen sich Risiken sehr anschaulich vermitteln lassen. In Rheinland-Pfalz wurde beispielsweise ein Tool erprobt, das Überflutungsszenarien für konkrete Straßenzüge visualisiert und damit die Wahrnehmung von Gefahren deutlich verbessert. Auch für die Region Stuttgart stehen mit dem Klimaatlas gut nutzbare digitale Klima- und Risikoinformationssysteme zur Verfügung, mit denen sich Starkregen- und Hitzerisiken besser einschätzen lassen. Entscheidend ist, dass solche Informationen nicht nur vorhanden sind, sondern auch alltagstauglich aufbereitet werden.  

Weitere Informationen zum Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung.

Hier finden Sie den digitalen Klimaatlas der Region Stuttgart. 


Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 3/2026 des die:gemeinde-Magazins