Holzgebäude in Wangen im Allgäu
Baustoff ohne lange Wege: Holzgebäude in Wangen im Allgäu
© Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz

Die Zukunft wächst vor der Haustür

Mit dem Bauturbo soll künftig auch im kommunalen Bereich schneller gebaut und mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Doch wie gelingt das, ohne Nachhaltigkeitsziele aus den Augen zu verlieren? Das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) sieht im Einsatz heimischen Holzes einen Schlüssel: Der regionale Rohstoff könne helfen, Wohnungsbau klimafreundlicher, wirtschaftlicher und zugleich schneller zu machen.

Über 50.000 neue Wohnungen werden in Baden-Württemberg jedes Jahr benötigt. Das stellte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in einer Studie im März dieses Jahres fest. Der neue „Bauturbo“, den Bund und Länder nun auf den Weg bringen, soll endlich Bewegung in den festgefahrenen Wohnungsmarkt bringen. Genehmigungen sollen schneller erteilt, Bauverfahren vereinfacht werden. Besonders vom kommunalen Wohnungsbau erhoffen sich dadurch viele neue Impulse – schließlich entstehen gerade dort häufig geförderte und sozialverträgliche Mietwohnungsprojekte.

40 Prozent aller CO2-Emissionen fallen beim Bau und der Nutzung von Gebäuden an

Sollte es tatsächlich zu dem erhofften Bauboom kommen, wird sich in vielen Städten und Gemeinden auch die Frage stellen, wie trotz aller Entbürokratisierung die geltenden Standards für einen sogenannten klimagerechten Wohnungsbau eingehalten werden können. Das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz des Landes (MLR) hat in Sachen nachhaltige Bauweisen eine klare Antwort: 

„40 Prozent aller CO2-Emissionen fallen beim Bau und der Nutzung von Gebäuden an. Daher ist die Nutzung nachwachsender Rohstoffe, insbesondere von Holz, in diesem Sektor ein großer Hebel, um die klima-, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Ziele des Landes zu erreichen“, unterstreicht Landesminister Peter Hauk.

Das MLR wirbt derzeit daher mit der Kampagne „Unser Holz - Gut fürs Klima, gut für Dich“. Sie hebt die vielfältigen Potenziale des heimischen Rohstoffs Holz hervor – als Beitrag zum Klimaschutz, als nachhaltiger Baustoff und als regionaler Energieträger. Ziel der Kampagne ist es, Bevölkerung, Kommunen und Bauwirtschaft gleichermaßen für den bewussten Umgang mit heimischem Holz zu sensibilisieren.

Technisch ist der Baustoff längst auf Augenhöhe mit Beton oder Stahl

Holz gilt im Land als Schlüsselbaustoff einer klimafreundlichen Zukunft. „Gerade bei den CO₂-Emissionen kann der Einsatz von Holz einen entscheidenden Unterschied machen“, erklären die zuständigen Fachstellen des MLR. Schließlich ersetze es CO₂-intensive Materialien und speichere gleichzeitig langfristig Kohlenstoff. Das beginne bereits beim Wachsen der Bäume und setze sich in den verbauten Holzprodukten fort. Durch die Nutzung sogenannter „grauer Energie“ werde der Gesamtenergieaufwand eines Gebäudes deutlich gesenkt. 

Zentrum für Obst- und Gartenbau in Weil der Stadt
Das Zentrum für Obst- und Gartenbau in Weil der Stadt zeigt, wie vielseitig heimisches Holz eingesetzt werden kann.

Baden-Württemberg sieht sich dabei in einer Vorreiterrolle. Mit einem Waldanteil von rund 40 Prozent und einer Holzbauquote von 39 Prozent im Wohnungsbau ist das Land bundesweit Spitzenreiter. „Baden-Württemberg ist Holzbauland Nummer eins in Deutschland“, so das MLR. Eine starke Wertschöpfungskette – vom Sägewerk im Schwarzwald über innovative Holzbauunternehmen bis hin zu Forschungseinrichtungen wie dem Technikum Laubholz, der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg oder dem Exzellenzcluster an der Universität Stuttgart – macht die regionale Holzwirtschaft zu einem zentralen Pfeiler einer nachhaltigen Bioökonomie.

Unter Bioökonomie versteht das Ministerium eine Wirtschaftsweise, die auf erneuerbaren, biobasierten Rohstoffen basiert und fossile Materialien zunehmend ersetzt. Holz spielt dabei eine Schlüsselrolle: Es ist nachwachsend, vielseitig einsetzbar und verbindet ökologische mit ökonomischen Vorteilen. Diese Struktur sichere Arbeitsplätze, fördere Innovationen und stärke zugleich den Klimaschutz.

Zudem trage die modulare Bauweise im Holzbau dazu bei, Bauzeiten erheblich zu verkürzen. Gerade in Zeiten knapper Kassen und einer unter Druck stehenden privaten Bauwirtschaft kann das durchaus ein spürbarer finanzieller Vorteil sein. Viele Bauträger setzen deshalb zunehmend auf serielle Holzhybridbauweisen. Diese kombinieren die Vorteile des Holzbaus mit der Stabilität anderer Materialien wie Beton oder Stahl. Tragende Elemente bestehen meist aus Holz, während Bauteile mit besonderen statischen oder brandschutztechnischen Anforderungen – etwa Treppenhäuser, Keller oder Decken – in Beton ausgeführt werden. Durch einen hohen Grad an Vorfertigung entstehen großformatige Module, die auf der Baustelle nur noch montiert werden müssen. So lassen sich Bauzeiten deutlich verkürzen, Kosten senken und gleichzeitig nachhaltige, langlebige Gebäude schaffen.

„Baden-Württemberg ist Holzbauland Nummer eins in Deutschland“

Das MLR geht sogar noch weiter und plädiert für einen hohen Grad an Holz „Technisch ist der Baustoff längst auf Augenhöhe mit Beton oder Stahl. Stützen aus Buchenfurnierholz erzielten etwa vergleichbare Druckfestigkeiten, und auch beim Brandschutz erfüllten moderne Holzbauten alle gängigen Sicherheitsanforderungen“, unterstreicht die Fachabteilung. Mit der Holzbaurichtlinie Baden-Württemberg seien die Genehmigungsverfahren zudem vereinfacht und die Planungssicherheit erhöht worden. Holz biete darüber hinaus natürliche Vorteile: diffusionsoffene Konstruktionen, ein angenehmes Raumklima und hohe Langlebigkeit. Als zukunftsweisender Schritt werde derzeit sogar eine Methodik entwickelt, um die Klimaschutzleistung des Baustoffs an den CO₂-Zertifikatemarkt anzubinden – ein weiterer Baustein, mit dem Baden-Württemberg seine Vorreiterrolle im nachhaltigen Bauen ausbauen wolle.

„Holzbaulösungen sind prädestiniert für vorgefertigtes und modulares Bauen“, so das MLR weiter. Kurze Montagezeiten, saubere und wetterunabhängige Arbeitsbedingungen in der Werkhalle sowie eine schnelle Fertigstellung vor Ort sprächen für den Baustoff. Durch das geringe Eigengewicht eigne sich Holz besonders gut für Aufstockungen und Nachverdichtungen im urbanen Raum. Damit werde der Holzbau auch für Kommunen und öffentliche Bauträger zunehmend interessant – etwa beim Bau von Schulen, Wohnanlagen oder öffentlichen Gebäuden.

Sachlicher Grund für die Materialwahl: Klima-, Nachhaltigkeits- und Ressourcenaspekte

Auch juristisch steht dem Holzbau im öffentlichen Bereich nichts im Wege, betonen die Fachleute des MLR. Öffentliche Auftraggeber dürften sich grundsätzlich dafür entscheiden, Bauvorhaben in Holzbauweise umzusetzen. „Oft wird das fälschlicherweise infrage gestellt – mit Verweis auf die Pflicht zur produktneutralen Ausschreibung“, heißt es aus dem Ministerium. Diese Pflicht schließe jedoch die Entscheidung für den Baustoff Holz nicht aus, da sie keine Vorgabe für ein bestimmtes Produkt, eine Herkunft oder einen Hersteller darstelle. Als sachlicher Grund für die Materialwahl könnten Klima-, Nachhaltigkeits- und Ressourcenaspekte angeführt werden.

Kritik an der verstärkten Nutzung von Holz begegnet das Ministerium mit dem Hinweis auf die streng geregelte und langfristig angelegte Forstwirtschaft im Land. In Baden-Württemberg wachse mehr Holz nach, als entnommen werde – die Nutzung bleibe also im Gleichgewicht. Entscheidend sei, dass Holz ausschließlich aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stamme.

Dass Holzbau längst kein Nischenthema mehr ist, zeigen nach Angaben des MLR zahlreiche öffentliche Bauprojekte im Land. Im Rahmen der Holzbau-Offensive Baden-Württemberg und des Holz Innovativ Programms (HIP) habe das Land in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Vorhaben gefördert – von Rathäusern über Schulen bis hin zu ganzen Stadtquartieren. „Holzbau kann heute in jeder Gebäudeklasse eingesetzt werden und bietet gerade für Kommunen zukunftsfähige Lösungen“, betonen die Fachstellen des MLR.

Zu den Vorzeigeprojekten zählen laut Ministerium die Rathäuser in Aldingen und Bingen, die Sanierung der Mehrzweckhalle in Ingerkingen sowie der Neubau des Landratsamts Biberach, das in Holzhybridbauweise errichtet wurde. Der viergeschossige Bau im Passivhausstandard gilt dem MLR zufolge als Beispiel für modernen, mehrgeschossigen Holzbau: architektonisch hochwertig, mit sichtbaren Holzoberflächen und hoher Vorfertigung, die eine schnelle Umsetzung ermöglicht. Auch die Fuchshofschule in Ludwigsburg stehe exemplarisch für innovative Ansätze – etwa beim Brandschutz oder der sortenreinen Trennbarkeit der Materialien.Ein besonders eindrucksvolles Beispiel sei nach Einschätzung des MLR die Sporthalle Waldau in Stuttgart, die nahezu vollständig aus heimischer Rotbuche aus dem stadteigenen Wald gefertigt wurde.

Mit dem neuen Stadtquartier Franklin-Mitte in Mannheim zeige sich schließlich, welche Chancen Holzbau auch im urbanen Kontext bietet. Hier entstehen laut Ministerium rund 90 bezahlbare Wohnungen in Holz-Hybrid-Bauweise – energieeffizient, ressourcenschonend und mit modernen Mobilitätskonzepten verknüpft. Projekte wie diese, so das MLR, seien beispielhaft für die Bauwende hin zu einem klimafreundlichen, sozialverträglichen und wirtschaftlich tragfähigen Bauen.

Auch der Gemeindetag Baden-Württemberg zeigt sich beim Thema nachhaltiges Bauen offen und pragmatisch. „Wir sind grundsätzlich für jede Bauweise offen – Hauptsache, es wird gebaut“, sagt Christian Manz, Baureferent beim Gemeindetag. Angesichts des hohen Drucks auf dem Wohnungsmarkt dürfe es keine ideologische Festlegung geben, ob nun mit Holz, Beton oder Stahl gebaut werde. Entscheidend sei, dass bezahlbarer Wohnraum entsteht und Projekte wirtschaftlich umsetzbar bleiben.

Holzbau könne dabei ein wichtiger Baustein sein, so Manz weiter. Er betont, dass nachhaltige Bauweisen im Sinne des Klimaschutzes sinnvoll seien, solange sie nicht zu höheren Kosten führten, die die Bezahlbarkeit gefährden. Grundsätzlich sehe der Gemeindetag in Holz keine Konkurrenz zu anderen Baustoffen, sondern eine sinnvolle Ergänzung im Instrumentenkasten kommunaler Baupolitik. „Ob mit Beton, Stahl oder Holz – wichtig ist, dass gebaut wird“, fasst Manz zusammen. 

Die Holzbau-Offensive Baden-Württemberg bietet Kommunen neben Förderangeboten auch praxisnahe Beratung und Schulungen. Mit dem Holz Innovativ Programm (HIP) und dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) fördert das Land zudem modellhafte Bauvorhaben, die zeigen, wie moderner Holzbau klimafreundliches und wirtschaftliches Bauen verbindet. Hier lesen Sie weitere Informationen und Beispiele.
Förderaufruf „Holzbau-Scouts“

Mit dem Förderaufruf „Holzbau-Scouts für Kommunen“ unterstützt das Land Personalstellen, die das Thema Holzbau vor Ort voranbringen. Die Scouts dienen als Ansprechpersonen, vernetzen sich landesweit, initiieren Projekte und sensibilisieren Verwaltung und Öffentlichkeit für klimafreundliches Bauen. Das Land finanziert 2 Jahre, die Kommune übernimmt das dritte Jahr. Mehr dazu und zur Rolle der Kommunen in der Holzbauoffensive lesen Sie hier.