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„Aufs Gesamtkonzept kommt es an“

23. Februar 2026
Lebendige Innenstädte brauchen Aufenthaltsqualität – aber auch Kundschaft, die sie gut erreichen kann. Worauf es für wirtschaftlich starke Innenstädte und Ortskerne ankommt, erläutert unsere Gastautorin Sabine Hagmann.

Es ist Samstagvormittag in einer baden-württembergischen Innenstadt. Die Türen der Geschäfte stehen offen, Verkäuferinnen und Verkäufer beraten, Einkaufstaschen füllen sich. Draußen sitzen Menschen vor Cafés, Kinder spielen auf dem Marktplatz, Bekannte treffen sich zwischen Bäckerei und Buchhandlung. Dieses Zusammenspiel aus Handel, Aufenthalt und Begegnung macht lebendige Ortsmitten aus. Der stationäre Einzelhandel ist dabei das Rückgrat dieses Lebens. Genau dieses Bild lebendiger Ortsmitten wünschen sich Bürgerinnen und Bürger, Kommunen – und der Einzelhandel. Verkehrsberuhigte Bereiche können dieses Bild unterstützen – entscheidend ist jedoch, wie sie gestaltet werden und ob die Innenstadt für alle weiterhin gut erreichbar bleibt.

Wichtig sind verlässliche Rahmenbedingungen für Zugang und Kaufkraft

Innenstädte sind weit mehr als reine Einkaufsorte. Sie sind soziale Treffpunkte, Orte des Austauschs und identitätsstiftende Zentren unserer Städte und Gemeinden. Sie sind das Wohnzimmer der Stadtgesellschaft. Der Handel übernimmt dabei eine zentrale Funktion: Er ist Grundversorger, Arbeitgeber und Frequenzbringer zugleich. Täglich kommen Millionen Menschen in Baden-Württemberg allein wegen des Handels in die Innenstädte – oft verbunden mit weiteren Erledigungen, Arztbesuchen oder einem Besuch in der Gastronomie. Gleichzeitig steht der Einzelhandel unter erheblichem Druck. Sinkende Kaufkraft, steigende Energie- und Personalkosten sowie der wachsende Onlinehandel setzen vielen Betrieben massiv zu. Umso wichtiger sind verlässliche Rahmenbedingungen, die den Zugang zu den Innenstädten sichern und Kaufkraft vor Ort halten.

Aus Sicht des Handels sind Verkehrsberuhigung und attraktive Innenstädte kein Widerspruch. Fußgängerzonen, autoarme Einkaufsstraßen und verkehrsberuhigte Plätze können die Aufenthaltsqualität deutlich erhöhen und Innenstädte lebenswerter und attraktiver machen. Sie laden zum Verweilen ein und können zusätzliche Frequenz erzeugen. Voraussetzung ist jedoch ein ausgewogenes Gesamtkonzept. Denn eines ist für den Einzelhandel zentral: Innenstädte müssen weiterhin mit allen Verkehrsträgern gut erreichbar bleiben.

Baden-Württemberg ist ein Flächenland mit starken Stadt-Umland-Beziehungen. Für viele Kundinnen und Kunden, insbesondere aus dem Ländlichen Raum, ist der private Pkw nach wie vor das wichtigste Verkehrsmittel für den Innenstadtbesuch. Eine Kundenbefragung des Handelsverbandes Baden-Württemberg zeigt, dass rund 70 Prozent der Befragten mit dem Auto zum Einkauf in die Innenstadt kommen. Je kleiner der Ort, in dem die Kundinnen und Kunden befragt wurden, desto wichtiger war der Pkw als Fortbewegungsmittel. Diese Zahl verdeutlicht eine Lebensrealität, die sich nicht ignorieren lässt. Wird die Erreichbarkeit eingeschränkt, weichen Kundinnen und Kunden nicht automatisch auf andere Verkehrsmittel aus – sie weichen häufig auf andere Einkaufsorte außerhalb der Ortsmitten oder den Onlinehandel aus. Das schwächt die Innenstädte und verschärft bestehende Strukturprobleme.

Sind Parkplätze zu teuer oder kaum vorhanden, verliert die Innenstadt an Attraktivität 

Dabei fordert der Handel ausdrücklich nicht, dass Autos bis unmittelbar vor jede Ladentür fahren müssen. Verkehrsberuhigte Bereiche können sinnvoll und erfolgreich sein, wenn sie richtig eingebettet sind. Entscheidend ist, dass rund um verkehrsberuhigte Zonen ausreichend, gut erreichbare und bezahlbare Parkmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Bewährt haben sich Parkhäuser entlang eines City-Rings oder am Rand der Innenstadt, von denen aus die Geschäfte in wenigen Gehminuten erreichbar sind. Wege müssen kurz bleiben, Einkäufe praktikabel transportierbar – insbesondere für ältere Menschen, Familien oder Kundinnen und Kunden, die bewusst mehrere Besorgungen miteinander verbinden. Um die Erreichbarkeit der Innenstädte zu sichern, müssen auch Parkgebühren vielerorts gesenkt werden. Sie dürfen nicht dazu genutzt werden, klamme Stadtkassen aufzubessern, sondern sollten primär den Zugang zu Handel und Innenstadt erleichtern. Günstige und gut erreichbare Parkmöglichkeiten stärken die Frequenz vor Ort und tragen dazu bei, dass Menschen ihre Einkäufe bequem erledigen können. Sind Parkplätze zu teuer oder kaum vorhanden, verliert die Innenstadt an Attraktivität und Kundinnen und Kunden bleiben fern.

Erreichbarkeit bedeutet aus Handelssicht jedoch mehr als Parkplätze. Sie umfasst auch eine klare Verkehrsführung, eine verständliche Beschilderung sowie eine gute Anbindung aus dem Umland. Innenstädte müssen für unterschiedliche Zielgruppen funktionieren: für Berufstätige ebenso wie für Seniorinnen und Senioren, für Innenstadtbewohner genauso wie für Besucherinnen und Besucher aus den Ortsteilen und Nachbargemeinden. Eine Innenstadt, die nur für einzelne Gruppen gut erreichbar ist, verliert an Breite – und damit an wirtschaftlicher Stabilität.

Der Handel unterstützt daher ausdrücklich den Ausbau und die Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs sowie eine leistungsfähige Infrastruktur für Rad- und Fußverkehr. Eine starke Innenstadt braucht Wahlfreiheit bei der Mobilität. Nachhaltige Verkehrskonzepte funktionieren nur dann, wenn sie auf ein Miteinander der Verkehrsträger setzen. Eine einseitige Benachteiligung einzelner Verkehrsarten führt nicht zu mehr Nachhaltigkeit, sondern häufig zu Verdrängungseffekten zulasten des stationären Handels.

Hinzu kommen weitere Faktoren, die für den Innenstadtbesuch entscheidend sind. Sicherheit, Sauberkeit und Aufenthaltsqualität beeinflussen maßgeblich, ob Menschen gerne und regelmäßig in die Stadt kommen. Gepflegte öffentliche Räume, gut gestaltete Plätze und ein positives Sicherheitsgefühl stärken die Verweildauer und damit auch den Handel vor Ort.

Für eine zukunftsfähige Innenstadtentwicklung ist der Dialog entscheidend. Als Handelsverband Baden-Württemberg sprechen wir uns dafür aus, den Einzelhandel frühzeitig in verkehrliche und städtebauliche Planungen einzubeziehen. Händlerinnen und Händler kennen die Wege ihrer Kundschaft, deren Bedürfnisse und Erwartungen sehr genau. Dieses Wissen kann helfen, tragfähige Konzepte zu entwickeln, die Akzeptanz finden und wirtschaftlich funktionieren.

Am Ende geht es um die Zukunft unserer Innenstädte. Verkehrsberuhigte Ortsmitten können Lebensqualität schaffen – wenn sie nicht auf Kosten der Erreichbarkeit gehen. Für den Handel ist klar: Die gute Erreichbarkeit der Innenstadt mit allen Verkehrsmitteln bleibt eines der zentralen Zukunftsthemen. Nur so bleiben unsere Ortskerne lebendig, attraktiv und wirtschaftlich stark. 

Die Gastautorin

Sabine Hagmann ist die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg (HBW) 

Sabine Hagmann ist die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg (HBW)